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Berichte und Bilder zum Nordirlandkonflikt

Mehrfach versuchter Mord: Algerier schuldig

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de   Ausgabe 29-26 10.07.26

Mehrfach versuchter Mord: Algerier schuldig

DUBLIN. Die Jury eines Dubliner Gerichtes hat den Algerier Riad Bouchaker in einem einstimmigen Urteil des versuchten Mordes an drei Kindern für schuldig befunden. Der Vorfall ereignete sich im November 2023 in der Dubliner Innenstadt. Der Täter fügte drei Kindern mit einer selbstgebastelten, 36 Zentimeter langen Stichwaffe teils schwere Verletzungen zu; eines von ihnen mit lebenslangen schweren kognitiven Beeinträchtigungen. Der ebenfalls angegriffenen Betreuerin der Kinder, die sich mit ihrem Körper vor ihre Schützlinge warf, musste die Milz entfernt werden. Leichtere Verletzungen erlitten zwei weitere Kinder sowie ein junger französischer Koch, als er mit anderen Passanten Bouchaker entwaffnete. Bouchaker, der auch über die irische Staatsbürgerschaft verfügt, leugnete die Taten. Der Angriff hatte in Irland teils gewalttätige Proteste ausgelöst. (dk)

Die kaum erwartete Verbrüderung

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 31/25 / 25. July 2025

Die kaum erwartete Verbrüderung

Irland/Nordirland: Der Frust über die zunehmende illegale Migration führt zu ungewöhnlichen Kooperationen

Daniel Körtel

Zuletzt war es der Brexit, der Hoffnungen weckte, die alte konfessionell-nationalistische Spaltung der irischen Insel in den republikanischen Süden und den pro-britischen Norden durch eine mögliche Wiedervereinigung in der nahen Zukunft zu überwinden. Doch nun scheint sich zwischen beiden eine außergewöhnliche Form der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf einer Grundlage anzubahnen. Anlaß ist die über die gesamte Insel verbreitete tiefe Frustration über den anhaltenden Zuwanderungsstrom.

Die Irish Times berichtete Anfang Juli über eine Studie der britischen Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue (ISD). Demnach kooperierten Gruppen aus dem rechten Spektrum der Irischen Republik und loyalistische Netzwerke, die besonders rabiat für die Zugehörigkeit Nordirlands zu Großbritannien eintreten. Es schien, als würden sie in ihrem Protest gegen den anhaltenden Zustrom vereint auftreten. Die Studie spricht hierbei von einem „bedeutenden Wandel in der politischen Landschaft“. Registriert wurde auch der Auftritt von Aktivisten der „Coolock Says No“, benannt nach einer Vorstadtregion Dublins. Anläßlich einer einwanderungskritischen Kundgebung im August vergangenen Jahres war es bereits unter Beteiligung dieser Gruppierung im nordirischen Belfast zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.

Freudenfeuer mit hölzernem Flüchtlingsboot sorgt für Aufsehen

Als besonders bemerkenswert befand die Studie die Anwesenheit eines 1993 wegen Totschlags an einem Katholiken verurteilten loyalistischen Paramilitärs, wie auch von Aktivisten aus Dublin, von denen einige in die irische Trikolore eingehüllt waren. Ebenso hervorgehoben wurde eine auf Youtube geführte Diskussion zwischen einem zuwanderungskritischen Politiker aus der Irischen Republik und einem weiteren früheren Loyalisten-Paramilitär. Letzterer hatte fast gleichzeitig zur Studienrepräsentation auf einer Kundgebung in Dublin betont, wie sehr das „Problem der offenen Grenzen“ für den Norden von Bedeutung sei.

Kommt dennoch über die Ablehnung der Zuwanderung die unwahrscheinliche Verbrüderung zwischen dem Norden und dem Süden der irischen Insel zustande? Der Weg dahin scheint noch sehr weit. Zwar hat sich in beiden Landesteilen das Unbehagen hierüber schon mehrfach ein gewalttätiges Ventil gesucht. Jedoch sind nicht einmal ansatzweise politische Verschiebungen zugunsten rechtspopulistischer Parteien in Sicht, zumal vor allem in der Republik solche Kräfte nur schwach vorhanden sind. Währenddessen sendeten die nordirischen Loyalisten zum 12. Juli ein deutliches Signal. An diesem höchsten Feiertag der nordirischen Protestanten wird des Sieges von 1690 über die katholischen Streitkräfte des abgesetzten englischen Königs Jakob II. gedacht. Nun sorgte in der Ortschaft Moygashel das traditionelle Freudenfeuer für Empörung in Politik und Medien. Auf der Spitze des Scheiterhaufens aus aufgetürmten Holzpaletten stand die Nachbildung eines Flüchtlingsboots mit einem Dutzend menschengroßer Puppen in Schwimmwesten darin, versehen mit dem Banner „stop the boats“, darunter ein weiteres Banner mit „veterans before refugees“, überragt von einer irischen Trikolore.

In der Republik Irland wiederum verliert das Migrationsthema trotz signifikant gesunkener Zahlen von Asylforderern nicht an Brisanz. Der für die rechte Kleinpartei Independent Ireland im Parlament sitzende Richard O’Donogue zeigte sich angesichts der Bevölkerungsveränderungen besorgt darüber, daß die Iren „in den kommenden Jahren“ zur Minderheit im eigenen Land würden. Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im Herbst werde seine Partei nur einen Kandidaten empfehlen, der „unsere Kultur in diesem Land unterstützt, so daß sie nicht ausgelöscht wird“. Seine Äußerungen wurden parteiübergreifend als „Mißinformation“ und „gefährlich“ verurteilt.

Migration: Gewaltsame Unruhen in Irland 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de   Ausgabe 26-25 20.06.25

Migration: Gewaltsame Unruhen in Irland 

DUBLIN. Angesichts erhöhter Zuwanderungszahlen nach Irland kam es in der vergangenen Woche in der Kleinstadt Ballymena, zugehörig zur Grafschaft Antrim, zu Ausschreitungen zwischen zuwanderungskritischen Jugendlichen und Polizeikräften. Anlaß war die mutmaßliche Vergewaltigung eines jungen Mädchens durch zwei aus Rumänien stammende Teenager. Der Vorführung der zwei verhafteten 14jährigen vor Gericht am vergangenen Montag – die Verhaftung eines Dritten in dem Fall kam später – folgten nach einem zunächst friedlichen Protest erste gewaltsame Unruhen aus der Bevölkerung, die sich über fünf Nächte hinzogen. Mehr als 60 Polizeibeamte erlitten dabei Verletzungen. 15 Personen wurden bislang verhaftet. In der Hafenstadt Larne setzten Maskierte ein als Notunterkunft genutztes Freizeitzentrum in Brand. Auch aus anderen Teilen des Landes wurden ähnliche Vorkommisse gemeldet. Die Polizei wertet die Gewalt als rassistisch motiviert. (dk)

Irland verzeichnet deutlich weniger Asylanträge

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de   Ausgabe 17-25 18.04.25

Irland verzeichnet deutlich weniger Asylanträge

DUBLIN. Die harte Linie, die die irische Regierung zur Abwehr der Migrationskrise eingeschlagen hat, scheint sich auszuzahlen. Wie aus Statistiken hervorgeht, die die Irish Times in der vergangenen Woche veröffentlichte, sank die Zahl derer, die Asyl in der Republik forderten, deutlich. So beantragten im ersten Quartal dieses Jahres 3.021 Migranten den internationalen Schutzstatus, verglichen mit 5.151 im Vorjahreszeitraum. Die Mehrzahl der Ankömmlinge stammt aus Nigeria, Pakistan und Somalia. Um das Dreifache – von 305 auf 1.008 – stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Ausweisungsverfügungen. Erstmals wurde im Februar ein Charterflug für Abschiebungen eingesetzt, mit Ziel Tiflis für 32 georgische Staatsangehörige. Weitere Flüge dieser Art sollen folgen. Justizminister Jim O’Callaghan beschrieb die neue Regierungslinie als „robust, fair, effizient und konsequent“. Weiter stellte der Minister die größte Reform des irischen Asylsystems in Aussicht, mit der die Bearbeitung der Asylanträge beschleunigt werden und künftig nur noch maximal drei Monate dauern soll. (dk)

Kaum noch Unterkunft für die vielen Asylzuwanderer

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de – Ausgabe 13-25 21.03.25

Kaum noch Unterkunft für die vielen Asylzuwanderer

DUBLIN. Die Regierung des Republik Irland gibt dem Druck aus der Bevölkerung gegen die weitere Asylzuwanderung zumindest teilweise nach. Wie die Irish Times in der vergangenen Woche unter Berufung auf von ihr eingesehene interne Regierungsdokumente berichtete, werden die zuständigen Behörden keine neuen Asylzentren mehr in Problemgebieten einrichten oder in solchen, wo die Proteste dagegen besonders heftig ausfallen. Darunter fallen beispielsweise der soziale Brennpunkt North Dublin, aber auch Grafschaften im Westen der Insel wie Kerry, Clare, Mayo and Donegal. Auch soll nicht mehr das „letzte Hotel in der Stadt“ einer Nutzung als Unterkunft für ankommende Migranten genutzt werden. Nicht genutzte Immobilien der Behörden sollen wieder dem Tourismus zugeführt werden. Auch seien die Immobilienangebote aus dem privaten Sektor deutlich zurückgegangen. Die Regierungsdokumente wurden erstellt zur Vorbereitung der Regierungsbildung Ende des vergangenen Jahres, das für Irland eine Rekordzahl von über 18.000 Asylforderern mit sich brachte. Für 2025 werden immerhin 15.000 erwartet. Weniger als die Hälfte der neuen Antragsteller auf internationalen Schutz seien Männer und jeder vierte ein Kind. Der Service für Internationale Schutzunterkünfte (IPAS) beherbergt laut Irish Times derzeit 33.000 Antragsteller unter internationalem Schutz, was einem Anstieg von 400 Prozent gegenüber 2021 entspreche. Ebenso wurde bekannt, daß die Zahl der Brandanschläge gegen geplante, tatsächliche oder mutmaßliche Einrichtungen deutlich höher war als offiziell eingeräumt. (dk)

Irland: Linksnationale Sinn Fein feiert Erfolg 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de   Ausgabe 50-24 06.12.24

Irland: Linksnationale Sinn Fein feiert Erfolg 

Dublin. Das Vorziehen der Parlamentswahl auf den vergangenen Freitag hat sich für Irlands Ministerpräsident Simon Harris nicht ausgezahlt. Seine bürgerliche Fine Gael erhielt trotz guter Prognosen der Demoskopen bislang nur 38 der insgesamt 174 Sitze. An die Spitze setzte sich die nationalkonservative Fianna Fail mit vorerst 46 Sitzen. Fianna Fail und Fine Gael bildeten seit der letzten Legislaturperiode zusammen mit den Grünen eine Große Koalition. Überraschend gut schnitt die linksnationalistische Sinn Fein mit 37 Sitzen ab, obgleich ihre Popularität am Sinken schien und damit den Ausschlag für das Vorziehen der Wahlen gab. Eindeutiger Verlierer sind die Grünen, die voraussichtlich nur noch einen Sitz halten können. Weiterhin in der Außenseiterposition ist mit drei Sitzen die weit linke PBP (People Before Profit). Medienbeobachtern zufolge wird eine Neuauflage der Großen Koalition erwartet. An Stelle der Grünen werden dann voraussichtlich die Labour Party in die Regierung eintreten sowie ihre erst 2015 gegründete Abspaltung der Social Democrats, beide bislang mit jeweils elf Sitzen. Aus den Reihen der unabhängigen Abgeordneten, die mit 23 Sitzen besonders gut abschnitten, wurde ebenfalls die Unterstützung für eine von Fianna Fail und Fine Gael geführte Koalition signalisiert. Das auf Präferenzstimmen basierende irische Wahlsystem führt zu einer sehr langwierigen Auszählung. Das endgültige Resultat stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Zu den brennendsten Themen des Wahlkampfs zählten vor allem die Wohnungskrise und der chronisch schlechte Zustand des Gesundheitssystems. (dk)

Die Blöcke bröseln auseinander

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 49/24 / 29. November 2024

Die Blöcke bröseln auseinander

Parlamentswahl Irland: Die bürgerliche Fine Gael und die nationalkonservative Fianna Fail lieben und hassen sich

Daniel Körtel

Was bereits seit dem Spätsommer die Spatzen von Dublins Dächern pfiffen, wurde Anfang November offiziell: Nur wenige Stunden nachdem sich in Washington nach der Präsidentschaftswahl die Verhältnisse klärten, trat Irlands Ministerpräsident Simon Harris an die Öffentlichkeit. Er kündigte an, die ursprünglich für März nächsten Jahres terminierten Parlamentswahlen auf den 29. November, vorzuziehen. Gerade einmal drei Wochen heißer Wahlkampf standen den Parteien und unabhängigen Kandidaten zur Verfügung, doch die Maschinerie lief schon lange vorher an.

Harris steht einer bislang historisch einmaligen Großen Koalition aus den beiden Blöcken seiner bürgerlichen Fine Gael (FG; Familie der Iren) und der nationalkonservativen Fianna Fail (FF; Soldaten des Schicksals) vor, unter Einschluß der Grünen. Diese Koalition wurde 2020 als Zwangslösung gebildet, da die Mehrheitsverhältnisse eine Regierungsbildung nach traditionellem Muster, wonach sich FG und FF in unterschiedlichen Koalitionen einander abwechselten, nicht mehr zuließen.

Die rechte Repräsentationslücke füllen unabhängige Kandidaten

Denn seinerzeit trat erstmals die linksnationalistische Sinn Fein (SF) unter ihrer populären Vorsitzenden Mary Lou McDonald an die Spitze des Parlaments. Doch aufgrund ihrer Vergangenheit als politischer Arm der IRA (Irisch-Republikanische Armee) wollte niemand eine Verbindung mit ihr eingehen. Diese vollkommen neue Situation zwang FG und FF, über einen weiten Schatten zu springen, der bis dahin beide durch den Bürgerkrieg am Beginn der irischen Unabhängigkeit vor rund 100 Jahren scheinbar unüberwindbar voneinander trennte. Aufgrund ihrer ungefähr gleichen Stärke sollten beide Parteien in der Mitte der Legislatur im Ministerpräsidentenamt rotieren.

Harris wiederum, der das Amt des Ministerpräsidenten erst im April von seinem amtsmüden Vorgänger und Parteifreund Leo Varadkar übernommen hatte, sah nach dem schwachen Abscheiden der SF in den Kommunal- und Europawahlen vom Juni und gestiegenen Zustimmungsraten für seine Person ein günstiger Moment gekommen, um bei den Iren eine vorzeitige Bestätigung für eine weitere Amtszeit einzuholen.

An Themen und drängenden Problemen mangelt es keineswegs. Zwar ist die Staatskasse alles andere als klamm – dank eines historischen Urteils des Europäischen Gerichtshofes vom vergangenen September. Demzufolge waren die Steuervorteile, die Irland dem Technologieunternehmen Apple gewährte, ein klarer Verstoß gegen die Regeln des Binnenmarktes. Apple wurde dementsprechend dazu verurteilt, dem irischen Staat rund 13 Milliarden Euro Steuern nachzuzahlen. Und es sind nicht wenige, die nun nach dem vielen Geld zu greifen trachten.

Denn vor allem die Wohnungskrise brennt den Iren unter den Nägeln. Daneben harrt das chronisch ineffektive Gesundheitssystem einer Lösung. Nicht zuletzt leiden die Iren unter der gegenwärtig hohen Inflation. Und zu schlechter Letzt kommen die Befürchtungen eines ökonomischen Schocks durch die Ankündigung höherer Zölle durch Donald Trump.

Doch seltsamerweise bleibt ein brisantes Thema außen vor. Obwohl sich im Land immer lauter der Protest gegen die Folgen der Migrationswelle erhebt, wird das Thema im Hintergrund gehalten. Angeblich sollen die harten Maßnahmen der Regierung und das deutliche Absinken der Migrationsströme die Wähler erfolgreich beschwichtigen. Immerhin versucht die SF ihrer Klientel insofern entgegenzukommen und damit eine offene Flanke zu schließen, daß ihr zufolge keine weiteren Aufnahmeheime in den Wohngebieten der Arbeiterschaft entstehen sollen, falls sie in eine Regierung eintritt.

In diese rechte Repräsentationslücke versuchen wiederum vereinzelte unabhängige Kandidaten mit klarer Haltung gegen weitere Migration vorzustoßen. Ebenso könnte die im vergangenen Jahr neu gegründete Independent Ireland einen Achtungserfolg erzielen. Bislang hält die erklärte Law-and- Order-Partei 24 kommunale Mandate und eines im EU-Parlament.

Die Auguren der Meinungsforschungsinstitute sehen gegenwärtig eine Bestätigung der Großen Koalition voraus, mit einem deutlichen Vorsprung von Fine Gael vor Fianna Fail, während Sinn Fein auf dem dritten Platz folgt. Die Grünen erwarten Verluste, während der Block aus unabhängigen Kandidaten den Umfragen zufolge auf ein Rekordergebnis zustrebt.

Für Harris könnte sich jedoch in der vergangenen Woche die Stimmung gedreht haben, nachdem ein peinliches Video viral ging. Darin ist zu sehen, wie er die behinderte Mitarbeiterin eines Einkaufsmarktes nach einem kurzen Disput achtlos stehenließ, nachdem sie sich ihm gegenüber beschwerte, er tue nichts für Leute wie sie. Der für Außenstehende zumindest recht ratlos machende Auftritt könnte noch zum Stolperstein für Harris’ wohl orchestrierte Wahlkampagne werden.

Somit bleibt das Rennen weiterhin spannend, ob es Harris gelingt, mit seiner reuevollen Entschuldigung den Kurs auf das eingeschlagene Ziel zu halten oder ob es am Ende in Irland doch noch zu einer weiteren historischen Wende kommt: der Etablierung einer Regierung unter erstmaliger Beteiligung der SF.


Gegen die Brandmauer

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 48/24 / 22. November 2024

Mary Lou McDonalds Popularität ist perdu, und doch könnte ihre Sinn Féin Irlands Parlamentswahl entscheiden.
Gegen die Brandmauer

Daniel Körtel

Zu den erstaunlichsten Konstanten der irischen Politik in den letzten 25 Jahren zählt der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Mary Lou McDonalds und ihrer Partei, der linksnationalistischen Sinn Féin („Wir selbst“). Zuletzt schaffte sie es, diese bei der Wahl zum Dáil Éireann („Versammlung Irlands“) 2020 zur stärksten Kraft zu machen. Gleichwohl hält die seit langem bestehende „Brandmauer“ die Partei ob ihrer Vergangenheit als politischer Arm der IRA von jeder Machtoption fern und zwang so die führende, bürgerliche Fine Gael („Familie der Iren“) und die nationalkonservative Fianna Fáil („Soldaten Irlands“) mit den Grünen in die erste Große Koalition.

Im Rückblick erscheint McDonalds steile Karriere keineswegs selbstverständlich. Mit ihrer familiären Herkunft paßte sie kaum in die vor allem von Veteranen des nord­irischen Bürgerkriegs geprägte Partei. 1969 in Dublin geboren, konnte sie als Mittelschichtskind eine Privatschule besuchen, woran sich ein Studium am renommierten Trinity College anschloß. Sie war auf der Suche nach einer Karriere, als Gerry Adams, langjähriger Vorsitzender der Sinn Féin, in der eloquenten und telegenen jungen Frau das ideale Talent für seine Strategie fand, die Partei nach Beginn des nordirischen Friedensprozesses 1998 aus ihrem politischen Schattendasein herauszuholen.

McDonalds Persönlichkeit könnte ausschlaggebend dafür sein, daß Sinn Féin zum Königsmacher wird.

In einer nach außen hin demokratischen Kaderpartei wie Sinn Féin, die tatsächlich aber nach sowjetischem Stil zentralistisch geführt wird und in der zudem der IRA-Armeerat einen unklaren, aber erheblichen Einfluß ausübt, geschieht nichts aus Zufall. Adams stellte sein politisches Wunderkind bewußt in den Vordergrund, aller verhaltenen Kritik zum Trotz. Die bezichtigt McDonald oft des Opportunismus. Außer einem festen Glauben an die Wiedervereinigung mit Nord­irland habe sie wenig echte Überzeugungen zu bieten. Zudem trug ihr die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen für besonders brutale IRA-Terroristen schwere Vorwürfe seitens der Öffentlichkeit ein. Und schließlich ließ sie es an Transparenz bezüglich der Finanzierung ihres villenartigen Eigenheims fehlen. Es waren harte Lehrjahre, in denen Adams aber nie den Glauben an McDonald und die Vision, der sie dienen sollte, verlor, was diese wiederum zu besonderer Treue gegenüber dem „Paten“ verpflichtete.

Es sollte sich für McDonald auszahlen: 2018 erbte sie von Adams endlich den Parteivorsitz, nachdem sie sich bereits als herausragende Parlamentsabgeordnete profiliert hatte. Selbst Ex-Ministerpräsident Bertie Ahern bescheinigte ihr die Eignung für das Amt. Allein durch die Präsenz der inzwischen zweifachen Mutter schien die Brandmauer zumindest brüchig zu werden.

Doch nun, vor der Neuwahl des Parlaments am 29. November, ist vom Höhenflug ihrer Popularität nicht mehr viel übrig. Einerseits wegen der Einwanderung, unter der Irland stöhnt, da vor allem die Sinn-Féin-Klientel dem internationalistischen Anspruch, den die linke Partei heute pflegt, nicht viel abgewinnen kann. Andererseits haben Skandale um sexuell unangemessenes Verhalten einiger Mandatsträger die Partei erschüttert. Und doch kann trotz absehbarer Verluste – allerdings je nach dem noch gänzlich offenen Ausgang der Wahl – McDonalds Persönlichkeit ausschlaggebend sein, die drittplazierte Sinn Féin im Duell zwischen Fine Gael und Fianna Fáil zum Königsmacher zu befördern.

Irland: Rechter wegen Fake News festgenommen

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG – www.jungefreiheit.de   Ausgabe 44-24 25.10.24

Irland: Rechter wegen Fake News festgenommen

DUBlIN. Die irische Polizei legt in der Verfolgung sogenannter Fake News auf rechter Seite straffere Zügel an. Wie die Irish Times in der vergangenen Woche berichtete, wurde im Zuge der Ermittlung zu einem mutmaßlichen Fake-Video ein Mann mittleren Alters in Haft genommen. Das Video zeigte das Foto eines schlafenden Mannes in einem Bus im Bezirk Wicklow südlich von Dublin. Dieser soll sich kurz davor Frauen und Mädchen gegenüber unsittlich entblößt haben. Das Video mit „falschem und unbegründetem“ Inhalt ging im Sommer viral, nachdem die Empörung in der Bevölkerung über die dortige Eröffnung eines Heimes für schutzfordernde Migranten in gewaltsame Proteste ausuferte. Der schlafende Mann, so wurde in dem Video behauptet, sei in jener Einrichtung untergebracht. Die Festnahme erfolgte auf der Grundlage eines Gesetzes aus dem Jahr 1976, dem zufolge jeder „wissentlich eine falsche Meldung oder Erklärung abgibt“, wonach „eine Straftat begangen wurde“ und die den Anlaß zu „Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Personen oder Eigentum“ gibt. Im Falle einer Verurteilung droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Dieses Gesetz wurde damit erstmals auf eine derartige mutmaßliche Straftat im rechten Milieu angewandt. Unterdessen wurde bekannt, daß das Justizministerium den umstrittenen Vorschlag über eine schärfere Verfolgung von sogenannter Haßkriminalität nach anhaltender Kritik von Politikern, Free-Speech-Aktivisten und dem Tech-Millionär Elon Musk zurückgezogen hat. (dk)

Das vorzeitige und grausame Ende der Kindheit

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 38/24 / 13. September 2024

Das vorzeitige und grausame Ende der Kindheit

Irland: Die Aufarbeitung sexuellen Mißbrauchs in kirchlichen Einrichtungen geht in eine neue Runde
Daniel Körtel

Vor nicht allzu langer Zeit galt noch das Klischee von Irland als „der treuesten Tochter der Katholischen Kirche“. Doch innerhalb der letzten Jahrzehnte wurde das Land von einem Wandel erfaßt, der einst uneinnehmbar erscheinende Machtbastionen der Kirche bis auf den Grund schleifte. Die neueste Runde in diesem für die irische Gesellschaft zuweilen schmerzvollen Säkularisierungsprozeß erfolgte in der vergangenen Woche mit der Veröffentlichung eines umfassenden Untersuchungsberichtes über weit verbreiteten sexuellen Mißbrauch in Bildungseinrichtungen kirchlicher Organisationen.

Traditionell ist in Irland das Erziehungswesen seit jeher in der Hand kirchlicher Träger gewesen. Staatlich finanzierte Schulen unter der Führung von Laien gibt es bislang kaum. Für den chronisch klammen Staat war dies eine günstige Lösung. Doch was innerhalb der Schulen vor sich ging, interessierte die Behörden weniger.

Den Stein ins Rollen brachten die Gebrüder David und Mark Ryan, als sie im November 2022 in einer Fernsehdokumentation mit ihren Erlebnissen an dem vom Orden der Spiritaner geführten Blackrock College an die Öffentlichkeit traten, einer weiterführenden Jungen-Schule im gleichnamigen Vorort südlich von Dublin. Nach seiner Ausstrahlung meldeten sich weitere hundert Opfer. Der Orden gab zu, bereits seit 2004 mehrere Millionen Euro an Entschädigungszahlungen geleistet zu haben. Die Regierung versprach, in einem Bericht weitere Aufklärung zu leisten.

Die nun in dem offiziellen Bericht aufgeführten Zahlen haben es in sich: 2.395 Mißbrauchsanschuldigungen, hauptsächlich von Männern, entfallen auf 884 mutmaßliche Täter, zurückgehend bis in die 1960er Jahre. Untersucht wurden 308 Schulen, die von 42 religiösen Gemeinschaften geführt werden. Insgesamt betreiben in Irland 69 Orden Schulen in eigener Trägerschaft. Immerhin ein Viertel der Anschuldigungen entfallen auf Schulen für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. Es wird von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen.

Die Aufklärungsarbeit soll fortgesetzt werden

Die Beschreibungen der Opfererlebnisse eröffnen eine düstere Perspektive. So wurden sie „belästigt, nackt ausgezogen, vergewaltigt und unter Drogen gesetzt, in einer Atmosphäre des Terrors und der Stille“ mit lebenslangen traumatischen Folgen. Für viele von ihnen habe die Kindheit an dem Tag geendet, als der Mißbrauch begann.

Die Aufklärungsarbeit soll fortgesetzt werden. Bildungsministerin Norma Foley nahm die Empfehlung des Berichtes nach einer Entschädigung für die Opfer positiv auf. Ebenso wurde die Forderung erhoben, die Untersuchung auf nicht-konfessionelle Träger auszuweiten.

Für John McManus, Kolumnist der Irish Times, der selbst Ende der 1970er Jahre auf das Blackrock College ging, gleichwohl ohne selbst Betroffener sexuellen Mißbrauchs dort geworden zu sein, öffnen sich für den Orden der Spiritaner, der in Deutschland das Heilig-Geist-Gymnasium in Würselen betreibt, bei weiteren Untersuchungen unangenehme Aussichten: „Es wird aufschlußreich sein, ob das Blackrock College in bezug auf das Ausmaß des Mißbrauchs weiterhin ein Ausreißer bleibt, wenn die Kommission ihre Arbeit beendet. Wenn dies der Fall ist, müssen sich alle mit der Schule verbundenen Personen mit der Vorstellung auseinandersetzen, daß die Spiritaner und die von ihnen geleiteten Institutionen etwas ungewöhnlich Grausames an sich hatten.“

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