Berichte und Bilder zum Nordirlandkonflikt

Monat: Januar 2021

Die Deutschen liebten diese Insel

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 43/02 18. Oktober 2002

Die Deutschen liebten diese Insel

Reise: Irland im Wandel / Supermarkt-Ketten bedrohen den traditionellen Charme

Martin Lohmann

Sicherlich ist Irland nicht das klassische Reiseziel der Deutschen, die es traditionell eher in wärmere Gefilde zieht. Denn wer sonnenhungrig die grüne Insel im Atlantik besucht, wird nicht selten von hartem Regen empfangen. Und dennoch sind es nicht wenige Deutsche, die, fasziniert von dieser Insel, ihr Herz an sie verloren haben. Es scheint, als ob die Seiten der keltischen Harfe, dem irischen Nationalsymbol, eine besondere Resonanz in der von Romantik bestimmten deutschen Seele hervorrufen.

Es ist nicht allein die natürliche Freundlichkeit der Iren, die so anziehend wirkt und an der sich in Deutschland viele Menschen ein Vorbild nehmen können, auch lockt der mystische Abglanz einer großen keltischen Vergangenheit und der frühchristlichen Zeit, in der irische Mönche das antike Erbe Europas bewahrten und von hier aus den Kontinent christianisierten. Zahlreiche Klosterruinen zeugen von dieser kulturellen Blütezeit, in der Irland als die Insel der Heiligen und Weisen galt, während Europa im dunklen Mittelalter versank. Der englische König Alfred rühmte seinerzeit die Iren als ein „ernstes Volk“ mit „Priestern und Laien im Überfluß“. Ihr jähes Ende fand diese Epoche mit den Beutezügen der Wikinger und der anglo-normannischen Invasion, die Irland 700 Jahre lang unter die koloniale Knechtschaft Englands brachte.

Poulnabrone-Dolmen (2002) / © Daniel Körtel

Immer wieder faszinieren die Landschaften Irlands, von denen sich die eindrucksvollsten im „wilden Westen“ der Insel befinden, wo noch das Gälische, die irische Ursprache, gepflegt wird. Ob die spektakulären Steilklippen von Moher, die Stille und Einsamkeit Connemaras oder die bizarre Felslandschaft des Burren, dessen Kargheit im Frühjahr von Orchideen und im August von blühenden Wildpflanzen unterbrochen wird – hier zeigt sich Irland von seiner schönsten Seite und zieht jeden in seinen Bann. Dennoch kann von der in Prospekten beschriebenen „unverdorbenen Natur“ keine Rede sein. Irlands Antlitz ist das Produkt eines gewaltigen Raubbaus an seinen natürlichen Ressourcen. Galt die Insel noch vor 500 Jahren als eines der waldreichsten Gebiete Europas, so hat der Holzeinschlag für die englische Flotte und die Umstellung auf die Viehwirtschaft nicht mehr viel davon übrig gelassen. Zu Beginn der Unabhängigkeit 1921 war nur noch ein Prozent der irischen Fläche mit Wald bedeckt. Mühsam wurde der Anteil inzwischen auf sechs Prozent hochgetrieben, allerdings mit seltsam deplaziert wirkenden Plantagen von Nadelbäumen, die nie ein Bestandteil irischer Ökologie waren.

Irlands Tourismus befindet sich heute in einer schweren Krise. Ende September wurden vorab Einzelheiten aus einer Studie der Irish Tourist Industry Confederation bekannt, wonach sich der Tourismus nach mehr als zehn Jahren unaufhörlichen Wachstums an einem Wendepunkt befinde. Durch die Preisentwicklung, die im Tourismusgewerbe schneller voranschreite als die durchschnittliche Inflation, sei Irland als Reiseziel nicht länger wettbewerbsfähig. Während 1995 in einer Befragung zwei Drittel aller europäischen Besucher Irland als preiswert befanden, fiel dieser Anteil 2001 auf ein Drittel. Zahlreiche traditionelle Handwerker haben sich bereits nach anderer Arbeit umgesehen. Einzig der Sektor Bed & Breakfast blieb mit einem Durchschnittspreis von 25 Euro stabil. Besorgt bezeichnete Tourismusminister John O’Donoghue die Studie als einen „Weckruf“.

Langfristig drohen aber noch andere Entwicklungen, die Irlands Ruf als attraktives Reiseziel schweren Schaden zuzufügen können. Die deutschen Handelskonzerne Aldi und Lidl proben die Invasion der Insel, und andere Ketten werden mit Sicherheit nachziehen. Es sieht ganz danach aus, als ob hier die gleichen Fehler wiederholt werden, die Deutschland mit dem Verlust der „Tante-Emma“-Läden schon lange hinter sich gelassen hat. Zahlreiche inhabergeführte Geschäfte, die mit ihrer Vielfalt und ihren schmucken Fassaden selbst die kleinsten Orte lebendig erhalten und Irland einen seiner sympathischsten Züge verleihen, werden diese Konkurrenz nicht überleben. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis Irlands Ortschaften infolge dieses nivellierenden Strukturwandels ein austauschbares und eintöniges Gesicht erhalten werden.

Der Wandel Irlands ist auch auf anderen Ebenen offenkundig. Die Familien werden kleiner, die Häuser größer und die einstmals mächtige katholische Kirche gehört nach einer Reihe peinlicher Sexskandale ihres Klerus in den Städten nicht mehr zu den tragenden Säulen der Gesellschaft. Der typische Geruch von verbranntem Torf, mit dem noch oft geheizt wird, wird dank des Ausbaus des Gasversorgungsnetzes auch bald der Vergangenheit angehören. Hinzu kommt, daß die klassische Auswanderernation einer verstärkten Einwanderung ins Auge sehen muß. Ausgelöst durch den wirtschaftlichen Aufschwung der neunziger Jahre, in denen die irische Regierung EU-finanzierte Standortvorteile zum Niedrigpreis anbot, holt der „keltische Tiger“ nun jene zweifelhafte Modernisierung nach, von der man sich wünschte, sie wäre dem Land erspart geblieben.

Cliffs of Moher (2002) / © Daniel Körtel

Besichtigung einer Tragödie

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 34/02 16. August 2002

Besichtigung einer Tragödie

Bürgerkriegstourismus: In Nordirland sind nicht nur die Landschaften interessant

Martin Lohmann

Tourismus wird in Nordirland als einer der Schlüssel angesehen, mit dem die wirtschaftliche Entwicklung und damit der Frieden in der permanenten Unruheprovinz vorangetrieben werden soll. Die Voraussetzungen dazu sind günstig, bietet Nordirland dem Reisenden doch reizvolle Naturlandschaften wie die einzigartige Basaltküste der Giant’s Causeway oder die zu ausgedehnten Wanderungen einladenden Täler der Glens of Antrim. Aber Nordirlands eigentlicher Reiz liegt nach wie vor im Bürgerkriegstourismus.Es sind vor allem zwei Zentren, die der Reisende näher in Augenschein nehmen sollte, die Provinzhauptstadt Belfast und Derry, die zweitgrößte Stadt der Provinz.

Das viktorianisch geprägte Belfast war der Hauptschauplatz der „Troubles“, der gewalttätigen Phase des dreißigjährigen Bürgerkriegs, der bis heute seine Spuren im Stadtbild hinterlassen hat. In Orwellscher Manier wird die Stadt flächendeckend von den Videoüberwachungssystemen der britischen Armee und des nordirischen Polizeidienstes observiert, die Eingänge zu vielen Pubs sind zum Schutz vor Wurfgeschossen mit Drahtkäfigen gesichert, die Polizei patrouilliert in an Tanks erinnernden Einsatzfahrzeugen und verschanzt sich in Stationen, die wie Forts im Feindesland gesichert sind, und die an Länge und Zahl zunehmenden Mauern der Peacelines trennen nach wie vor Katholiken und Protestanten voneinander.

Für Fotografen dürften vor allem die Murals, die eindrucksvollen Wandbilder, die sich in ihrem künstlerischen Wert so wohltuend von den infantilen Graffitischmierereien anderer europäischer Großstädte abheben, von großem Interesse sein. Die von ihnen ausgehenden Botschaften geben ein beredtes Zeugnis vom aktuellen Zustand des fragilen Friedensprozesses, und manche dargestellte historische Szene zeugt von einem für Deutsche ungewohnt weitreichenden Geschichtsbewußtsein, das bis in das 17. Jahrhundert zurückgeht. Sehr viele dieser Wandbilder finden sich entlang der Hauptverkehrsstraßen Shankill und Newtonards Road, die beide durch protestantisches Territorium führen, und der durch das Herz des irisch-katholischen Republikanismus führenden Falls Road, wo sich auch die Parteizentrale der irisch-nationalistischen Partei Sinn Fein befindet, nebst angeschlossenem Buchladen, in dem sich Touristen sowohl mit umfangreichem Informationsmaterial als auch banalem Polit-Kitsch eindecken können. Diese Strecken sind innerhalb eines Tages leicht zu Fuß abzulaufen.

Trotz der Meldungen über gewalttätige Ausschreitungen ist Belfast für Touristen ein sicherer Ort. Die paramilitärischen Gruppen achten schon aus Eigeninteresse darauf, daß Touristen unbehelligt bleiben. Selbst eine so umstrittene Straße wie die Ardoyne Road, wo im vergangenen Jahr protestantische Bewohner Steine auf katholische Grundschülerinnen warfen, kann von Touristen gefahrlos durchquert werden. Aber wenn im Dunkel der Nacht die paramilitärischen Auseinandersetzungen beginnen, suchen Fremde besser einen sicheren Platz auf.

Wer allerdings Wert auf Sicherheit legt, kann auch eine Stadtrundfahrt mit einem „Black Taxi“ buchen. Diese aus britischen Altbeständen rekrutierten Fahrzeuge sind während der Hochphase der „Troubles“ von katholischen Bewohnern Belfasts angeschafft worden, um Ersatz für den zusammengebrochenen Busverkehr zu schaffen. Heute fahren sie für wenige Pfund auch Touristen zu den historischen Stätten des Konfliktes und ihre Fahrer, oftmals IRA-Veteranen, bieten interessante Informationen aus erster Hand.

Die am nordwestlichen Ende Nordirlands entgegengesetzt zu Belfast gelegene Stadt Derry, von Protestanten nach wie vor Londonderry genannt, war der Schauplatz des „Bloody Sunday“, als vor dreißig Jahren britische Soldaten unter den Teilnehmern einer Bürgerrechtsdemonstration ein Blutbad anrichteten. Heute erinnert an dieser Stelle ein Mahnmal an die vierzehn Toten dieses verhängnisvollen Tages. Nur ein Steinwurf entfernt befindet sich vor dem Eingang des katholischen Ghettos Bogside ein anderes bedeutendes Wahrzeichen Derrys, die „Free Derry Corner“, der deutlichste Hinweis auf eine im wahrsten Wortsinne „national befreite Zone“ des irisch-republikanischen Nationalismus. Auch hier wird die Szenerie von Murals abgerundet, deren Bedeutungen man sich während einer Führung erläutern lassen kann.

Wer nach Nordirland reist und das Gespräch mit Einheimischen sucht, sollte gerade im Umgang mit Protestanten Rücksicht üben. David Gilliland von der protestantischen Kulturinitiative „Power to the People“ erklärt, daß man nicht gerne mit Außenstehenden über den Konflikt spreche, da hierbei die Erfahrung gemacht wurde, daß diese oftmals eine vorurteilsbehaftete und einseitige Einstellung mitbringen.

Sicherheitskräfte in Aktion zu fotografieren, empfiehlt sich nur aus der Deckung. Wer erwischt wird, riskiert nach wie vor die Konfiskation des Films. Hier verstehen die Sicherheitskräfte keinen Spaß, auch wenn sie sich Touristen gegenüber ansonsten sehr freundlich verhalten.

Auf den Regenschirm als das wichtigste Reiseutensil sollte auch im Sommer keineswegs verzichtet werden. Schon Heinrich Böll beklagte in seinem „Irischen Tagebuch“ (1957) das nasse, unberechenbare Wetter, das manchmal alle vier Jahreszeiten an einem Tag bereithält. Mag man sich in Nordirland auch keinen Sonnenbrand holen, eine Rostschicht ist einem hier immer sicher.

Es droht ein langer, heißer Sommer

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 28/02 05. Juli 2002

Es droht ein langer, heißer Sommer

Nordirland: Immer neue Gewaltausbrüche unterminieren den Friedensprozeß / Mißtrauen wächst wieder

Martin Lohmann

Es ist fast wieder so wie im Frühsommer letzten Jahres: Damals entzündeten sich die Gewaltausbrüche in Nordirland an den Übergriffen gegen eine katholische Schule im Nordwesten Belfasts, dieses Jahr liegt der Brennpunkt der Ausschreitungen am Rand einer katholischen Enklave im Osten. Hier war es letzte Woche zu Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und rund 300 irisch-katholischen Republikanern gekommen, nachdem die Polizei einen Triumphmarsch des pro-britischen, protestantischen Oranier-Ordens durch eine „katholische“ Straße geschützt hatte. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und meldete sechs verletzte Beamte. Letzten Sonntag griff eine Gruppe von etwa 50 irisch-republikanischen Jugendlichen die Polizeistation des Ortes Rosslea in der Grafschaft Fermanagh mit Steinen, Flaschen und anderen Wurfgeschossen an. In der Nacht zuvor waren zwei 15 Jahre alten Jungen die Kniescheiben durchschossen worden – eine nicht seltene „Strafaktion“ in der Auseinandersetzung zwischen radikalen Katholiken und Protestanten.

Vier Jahre sind vergangen, seit 1998 mit dem Inkrafttreten des Karfreitagabkommens der Bürgerkrieg in Nordirland für beendet erklärt und der Friedensprozeß in der britischen Unruheprovinz eingeleitet wurde. Eine Zeit, in der sich dort politisch viel bewegt hat, die aber dem Land nicht die erhoffte Aussöhnung zwischen den Konfliktparteien gebracht hat. Vieles deutet sogar darauf hin, daß die Kluft zwischen Protestanten und Katholiken größer geworden ist und sich Nordirland als ein typischer kultureller Bruchlinienkonflikt erweist. Um den Konflikt in Nordirland besser verstehen zu können, muß man sich von der hierzulande inzwischen fest verankerten Vorstellung eines Religionskrieges zwischen Protestanten und Katholiken verabschieden. Die Wirklichkeit ist wesentlich komplexer.

Infolge der 1921 vollzogenen Trennung der Insel in die Republik Irland und die nordirische zu Großbritannien gehörende Provinz Ulster stehen sich dort irischstämmige Nationalisten katholischer Konfession sowie Loyalisten und Unionisten protestantischer Konfession gegenüber, die für den Verbleib Ulsters zu Großbritannien eintreten und die die Nachkommen britischer Kolonisten des 17. Jahrhunderts sind, angesiedelt, um den Widerstand der Iren gegen die britische Herrschaft zu brechen. Die Minderheitsgesellschaft der katholischen Iren fand sich hier in einem Apartheidsystem wieder, das sie systematischer Diskriminierung aussetzte. Die daraus resultierenden Spannungen führten 1969 zum Bürgerkrieg, in dem die Untergrundarmee IRA (Irisch-Republikanische Armee), unterstützt von ihrem politischen Arm, der linksnationalistischen Sinn Féin, die Wiedervereinigung Irlands mit Gewalt erzwingen wollte. Das britische Mutterland hatte die Situation mit dem Einsatz militärischer Gewalt nur mühsam unter Kontrolle bringen können.

Nirgendwo fokussiert sich der Gegensatz zwischen beiden Konfliktparteien deutlicher als in Belfast, der Provinzhauptstadt Nordirlands. Auf dem ersten Blick fällt dem Beobachter die Vielzahl pompöser Prestigebauten auf, die dort seit dem 1994 ausgerufenen Waffenstillstand entstanden sind, um den Fortschritt in der Region voranzutreiben. Jedoch offenbart sich hinter der schönen Fassade weiterhin das häßliche Bild des Konfliktes, erweist sich der Alltag als geprägt von Gewalt, Kriminalität und sozialer Perspektivlosigkeit.

Die Separierung zwischen den Konfessionsgruppen nimmt weiter zu, die Wohngebiete sind weiterhin durch hohe Zäune und Mauern, euphemistisch „Peacelines“ genannt, voneinander abgeschottet. Das gegenseitige Mißtrauen ist so groß, daß diese Mauern noch auf unabsehbare Zeit Bestand haben werden.

Das jeweilige Territorium wird abgesteckt durch irische und britische Fahnen und durch die vielen Wandgemälde, Murals genannt, deren Motive und politischen Botschaften Ausdruck der eigenen nationalen Identität sind. Während die Katholiken auf ihren Murals häufig ihre politischen Märtyrer verherrlichen, sind die Darstellungen auf protestantischer Seite oftmals von sehr martialischem Charakter, und es fällt auf, daß die Farbe auf ihnen sehr frisch ist.

Verschärft durch den Niedergang der Industrie ist die Arbeitslosigkeit in den Konfliktvierteln, in denen zumeist ungelernte Arbeiter leben, sehr hoch. Die negativen Folgen der Globalisierung drohen die Friedensdividende der vergangenen Jahre zunichte zu machen.

Vor allem der Westen und Süden der Stadt, deren Siedlungsmuster wie ein Flickenteppich der beiden Konfessionen erscheinen, und die katholische Enklave Short Strand im Osten werden nach Einbruch der Dunkelheit immer wieder von heftigen und gut organisierten Krawalle – wie vor ein paar Wochen beim Thronjubiläum der britischen Königin und jetzt wieder in den vergangenen Tagen – erschüttert. Katholische und protestantische Jugendbanden haben offenbar Gefallen an Gewalt als „Lifestyle“-Kultur gewonnen und schrecken nicht einmal davor zurück, Brandsätze und Rohrbomben auf Wohnhäuser zu werfen oder gar Schußwaffen einzusetzen. Zwischen den Fronten steht der nordirische Polizeidienst, der trotz einer Reform nach wie vor von der katholischen Bevölkerung abgelehnt wird, die in ihrer Haltung von Sinn Féin noch bestärkt wird.

In dieser Atmosphäre mehren sich auf beiden Seiten die Stimmen derer, die sich fragen, was ihnen der Friedensprozeß eigentlich gebracht habe. Der fragile Frieden in Nordirland gleicht eher einem „kalten Krieg“. Besonders auf Seiten der Protestanten nimmt die Ablehnung des Karfreitagabkommens zu. Sie sehen ihre traditionelle Vormachtstellung als Mehrheitsgesellschaft gefährdet, vor allem durch die hohe Geburtenrate der katholischen Bevölkerung, die zum einen auf den – allerdings abnehmenden – Einfluß der konservativen katholischen Kirche als auch auf soziale Faktoren zurückzuführen ist. Diese ungünstige Situation wird von protestantischen Paramilitärs zum Anlaß genommen aufzurüsten.

Die anhaltende Gewalt sowie Geheimdienstberichte, wonach IRA-Mitglieder in Kolumbien Raketentests durchgeführt hätten, führten unterdessen zu einer neuen Krise in der nordirischen Allparteienregierung. Führende Unionisten sehen in den Raketentests Vorbereitungen für einen neuen Krieg und verstärken den Druck auf Englands Premier Tony Blair, den formellen Bruch des Waffenstillstands zu erklären, um dadurch die verhaßte Sinn Féin von der Allparteienregierung auszuschließen.

Nordirlands Regierungschef David Trimble von der Ulster Unionist Party (UUP) erwägt einen erneuten Rücktritt, um Sinn Féin zu weiteren Fortschritten in der Beendigung paramilitärischer Aktivitäten zu zwingen und erinnerte Blair an sein Versprechen, verschärfte Sanktionsmechanismen nachträglich in das Karfreitagsabkommen einzubauen. Von Sinn Féin-Präsident Gerry Adams wird viel abverlangt, um das „verlorene Vertrauen“ wiederherzustellen.

Ausgerechnet in dieser brisanten Lage nähert sich der traditionelle Höhepunkt der Marschsaison, wenn am 12. Juli der Oranierorden die Schlacht an der Boyne feiert, die 1690 die protestantische Vorherrschaft über Irland gesichert hat. Auch in diesem Jahr wird der Orden gegen alle Widerstände darauf bestehen, durch katholische Wohngebiete zu ziehen; ein Vorrecht, das noch aus einer Zeit herrührt, als diese Gebiete noch protestantisches Territorium waren. Auch dieses Jahr hat Nordirland wieder die Aussicht auf einen langen, heißen Sommer.

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