© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 41/15 / 02. Oktober 2015

 

Unterminierte Brüderlichkeit
Schottland: Auch ein Jahr nach dem Referendum ist der Traum von der Unabhängigkeit nicht erloschen
Daniel körtel

 

In Schottland findet alles im Regen statt“ – mit dieser Spruchweisheit umschreiben die Schotten ihre pragmatische Einstellung zu den chronisch widrigen Wetterbedingungen ihrer Heimat. Sie gilt auch am zweiten Septembersamstag bei den Highland Games in Pitlochry, einer schmucken Kleinstadt in der zentralschottischen Grafschaft Perthshire. 

Über den ganzen Tag hinweg fällt ergiebiger Regen auf Zuschauer und Athleten dieses traditionellen Wettbewerbs, bei dem sich junge Tänzerinnen grazil im Highland Dancing und kräftige Burschen in den bekannten Disziplinen wie Gewichtweitwurf, Tauziehen und dem „Tossing the Caber“, dem spektakulären Baumstammweitwurf, messen. Ebenso wetteifern Dudelsacksolisten und -kapellen um den besten Auftritt. Während die Tänzerinnen unter einem Zeltdach auftreten, müssen die übrigen Wettbewerbe im ungeschützten Freien stattfinden. Das Durchhaltevermögen der Athleten unter diesen nassen Bedingungen ist beeindruckend, während ein Großteil der Zuschauer unter dem Dachvorsprung des Hauptquartiers der Spieleleitung enggedrängt Schutz vor dem Regen sucht.

Trennung der Streitkräfte – warum nicht? 

Doch für den auswärtigen Beobachter nicht weniger interessant ist das Geschehen am Spielfeldrand. Dort finden sich neben den üblichen Imbißbuden und Kunstgewerbeausstellern auch einige Stände, die man bei einem vergleichbaren Volksfest in Deutschland nicht erwarten würde.

In einem kleinen blauen Zelt stehen auf einem Tisch, die Front mit Tarnfarbentuch verdeckt, drei britische Armeewaffen, zwei 5.56 mm Gewehre sowie ein Standardgewehr. Davor findet sich, auf dem Boden aufgebockt, ein leichtes Maschinengewehr. Zwei junge Soldaten des in Schottland stationierten Regiments The Black Watch werben darin für den Eintritt in die britische Armee. Den Hinweis, daß ein vergleichbarer Stand der Bundeswehr auf einem Schützenfest in manchen Regionen Deutschlands unweigerlich den aggressiven Widerstand nicht nur der Antifa provozieren würde, nahm ein angesprochener Soldat mit Erstaunen auf. Die Frage, ob er als Angehöriger der britischen Streitkräfte ein „Yes“ zur Unabhängigkeit im vergangenen Jahr bedauert hätte, quittierte der aus Schottland stammende Soldat lakonisch. Dann wäre es eben zu einer Trennung der Streitkräfte gekommen.

Nicht weit entfernt findet sich das weiße Zelt der schottischen Veteranenhilfsorganisation Poppyscotland, bei der der Besucher gegen eine Spende neben verschiedenen Devotionalien wie Tassen und Armbändern eine Mohnblume in Form eines stilisierten Ansteckers als Symbol des Gedenkens für die Gefallenen der beiden Weltkriege erstehen kann.

Diese Zeichen einer engagierten Gedenkkultur finden sich später oft an Kriegsgedenkstätten wieder. So auch am markanten Commando Memorial in den Western-Highlands. Dieses Kriegerdenkmal steht zu Ehren der schottischen Eliteverbände des Zweiten Weltkriegs, die in den Highlands ausgebildet wurden. In dem nebenstehenden kreisförmigen Garden of Remembrance finden sich Gedenkstätten nicht allein für die überlebenden Angehörigen dieser Einheiten, sondern wie ein generationenübergreifendes Band ebenso für gefallene Elitekämpfer der nachfolgenden Kriege in Afghanistan und Irak, deren Asche hier verstreut wurde.

Die politische Kultur hat sich voneinander entfernt

Auf halber Strecke zwischen dem Zelt von Poppyscotland und dem der britischen Armee steht das Zelt von The Young Tartan, einer Organisation die sich der weltweiten Traditionspflege des schottischen Young Clans widmet. Zwei ihrer Aktivisten im mittleren Alter, eingekleidet in der Kilt-Kluft mit den typischen Karomustern, stellen sich offen den Besucherfragen. Spürbar ist, daß auch nach dem verlorenen Ausgang des Referendums der Wunsch nach Unabhängigkeit nicht erloschen ist. 

Man hoffe noch zu Lebzeiten auf eine Änderung des gegenwärtigen Status. Für den Ausgang des kommenden EU-Referendums erwarte man sowohl für Schottland als auch das übrige Vereinigte Königreich eine klare Zustimmung für den weiteren Verbleib in der EU. Zu verflochten seien die Wirtschaftsbeziehungen mit dem europäischen Kontinent. Allerdings: Nur unter der Voraussetzung einer EU-Reform im Sinne des britischen Premiers David Cameron. 

Obwohl die konservativen Torys in Schottland nicht wohlgelitten sind, wird dem Premier in dieser Frage viel Vertrauen entgegengebracht. Die Europäische Union sei in Schottland keineswegs populärer als die Union mit England.

Ein Liebesbeweis für die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich von Großbritannien war das „No“ der Schotten im Unabhängigkeits-Referendum vom vergangenen Jahr sicherlich nicht. Zu sehr setzte das Lager der Unionsbefürworter auf eine Angstkampagne, die zumeist im Mittelstand, bei Rentnern und Frauen verfing. 

Vor allem die Drohung aus London, mit dem Austritt aus der Union erfolge zwangsläufig auch der Ausstieg aus der gemeinsamen Währungsunion mit dem bewährten Pfund, wirkte wie eine Erpressung. Allen Beteiligten wurde deutlich vor Augen geführt, daß die Union mit England nie die Verbindung zweier gleichberechtigter Partner war, sondern Schottland immer „mit einem Elefanten im Bett“ lag. So war es keine Überraschung, daß das „Yes“-Lager als moralischer und politischer Sieger aus dem an sich eindeutig verlorenen Referendum von 45 zu 55 Prozent hervorging. 

Das Referendum führte zu einer anhaltenden Politisierung des Landes zugunsten der nationalistischen Kräfte, vor allem der das Referendum initiierenden Schottischen Nationalpartei (SNP). Statt die Union zu stärken, hat das Referendum diese weiter unterminiert, indem es die politische Landschaft Schottlands grundlegend verwandelte. Die politische Kultur beiderseits der Grenze hat sich weiter voneinander entfernt. Die britischen Unterhauswahlen vom vergangenen Mai haben das eindrucksvoll belegt: Schottland ist nicht nur nationalistischer geworden, sondern auch sozialdemokratischer als der Rest der Union.

Edinburgh fordert volle fiskalische Kontrolle

Die nächste Klippe im innerbritischen Verhältnis ist bereits in Sicht: Sollten die Briten im nächsten Jahr für einen Austritt aus der EU stimmen, forderte für diesen Fall die neue schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon eine erneute Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit. Sturgeons Forderung wurde unmittelbar von Premier David Cameron unter Verweis auf das letzte Referendum abgewiesen.

Doch wie wenig Camerons Hoffnungen sich erfüllen könnten, die schottische Frage hätte sich für alle Zeiten erledigt, zeigt am ersten Jahrestag des Referendums der Streit um die Scotland Bill. Die Scotland Bill wurde erstellt auf Basis der überparteilichen Smith Commission, die im Januar ihre Vorschläge vorstellte. Mit ihr will Cameron sein Versprechen einlösen, mehr Regierungskompetenzen von London nach Edinburgh zu verlagern. Dazu gehören die Kontrolle die Einkommensteuer, einige Sozialleistungen, Fluggastgebühren und einige Krongüter. 

Der SNP und den schottischen Oppositionsparteien – abgesehen von den Konservativen – geht die Vorlage nicht weit genug, und sie fordern daher für die schottische Regierung die volle fiskalische Kontrolle ein. Kritik erhob sich auch an dem Vetorecht britischer Minister für schottische Vorhaben und den geplanten Finanzstreichungen aus London. 

Der Graben zwischen Edinburgh und London ist nicht kleiner geworden, und das Verhältnis zueinander birgt für die Zukunft noch viel Konfliktstoff. In seiner Analyse „Disunited Kingdom“ sieht der schottische Journalist Iain Macwhirter bei allen Unwägbarkeiten die Zeit für die schottischen Nationalisten arbeiten: „Nachdem ich die Reaktionen auf das Referendum gesehen habe, ist es mein fester Glaube, daß Schottland unabhängig wird. Und möglicherweise werden wir nicht lange darauf warten müssen.“


Exportschlager Highland Games

Ob im sächsischen Trebsen, in Stuttgart-Weilimdorf, im niedersächsischen Bad Iburg, im schweizerischen Abtwil oder im indonesischen Karawaci. Die schottische Tradition, sich sportlich zu betätigen feiert weltweit ihren Siegeszug. Die Wurzeln der Highland Games reichen zurück bis ins 11. Jahrhundert, als König Malcolm III. einen Wettlauf zum Gipfel des Creag Choinnich veranstalten ließ, um den schnellsten Läufer des Landes zu ermitteln und ihn zu seinem persönlichen Kurier zu machen. In der Form, wie wir sie heute kennen, werden die Highland Games in Schottland seit dem 19. Jahrhundert gefeiert. Dazu gehören Baumstammwerfen, Steinstoßen, Hammer- und Kanonenkugelwurf sowie Highland-Tanzwettbewerbe. Nicht fehlen dürfen die Dudelsackkapellen, Tierschauen und manch skurriler Wettstreit wie die Kür des hübschesten Babys.