© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  30/11 22. Juli 2011

Volksgruppe im Belagerungszustand
Nordirland: Am Orange Day feiern die Protestanten den Gründungsmythos ihrer Provinz / Höhepunkt der Paradesaison und gewalttätiger Auseinandersetzungen
Daniel Körtel

Es liegt nicht am Sommer, daß in Nordirland der Juli der heißeste Monat des Jahres ist. Wie auf einer Fieberkurve steigen von Ostern an die Spannungen zwischen den Volksgruppen der pro-britischen Protestanten und der pro-irischen Katholiken. Anlaß für Auseinandersetzungen bieten vor allem die Paraden, die fester Bestandteil der politisch-religiösen Kultur sind. Zu den bedeutendsten Paraden zählen die am 12. Juli. Es ist Orange Day, der höchste Feiertag der Protestanten.

Schwere Paukenschläge, Trommlerrhythmen und Querflötenklänge untermalen mit Marschmusik den langen Zug von 70 Logen des Oranier-Ordens durch die Belfaster Innenstadt, die größte Parade zum 12. Juli. In einem gleichförmigen Muster folgen jedem militärisch uniformierten Spielmannszug die Brüder der jeweiligen Loge, jeder umhangen mit der obligatorischen orangenen Schärpe. Einige Logenbrüder zeigen sich zusätzlich sehr traditionell in Anzug und Bowler-Hut. Rund 250.000 Zuschauer sind zugegen, darunter einige Jugendliche eingehüllt in die Flaggen des Union Jack oder Nordirlands.

An der Spitze jedes Zugabschnitts wird die jeweilige Logen-Standarte vorangetragen. Ihre Darstellungen zeigen vor allem biblische Motive, beispielsweise aus dem Leben Jesu oder Ereignisse aus der Geschichte der nordirischen Protestanten wie die Schlacht an der Somme von 1916, die unter den protestantischen Soldaten einen extremen Blutzoll forderte. Krone, Zepter und die Bildnisse britischer Monarchen drücken die Verbundenheit mit der Monarchie aus. Häufigstes Symbol ist die Rote Hand von Ulster, wie Nordirland von den Protestanten auch oft genannt wird. Doch immer wieder findet sich wie eine Ikone das Bild von „King Billy“, dem englischen König William III. aus dem Hause Oranien-Nassau, auf den der Orange Day zurückgeht.

Am Orange Day feiern die nord-irischen Protestanten den Gründungsmythos ihrer Provinz, die Schlacht am Boyne von 1690, in der Protestant William seinen katholischen Vorgänger und Schwiegervater Jakob II. besiegte. Doch was viele Iren als den Ausgangspunkt jahrhundertelanger Unterdrückung ihres Volkes und ihrer Kirche ansehen, interpretieren auf der anderen Seite die Protestanten als einen Triumph der Freiheit über den Absolutismus, der die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie erst in die Wege leitete.

1795 gegründet, ist der Oranier-Orden nach wie vor eine tragende Institution im kulturellen und sozialen Gefüge der protestantischen Volksgruppe mit Verbindungen in die pro-britischen Parteien und protestantischen Kirchen. Umstritten wegen seiner anti-katholischen Attitüde und seines teilweise militanten Auftretens, aber vor allem wegen seiner Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen, hat seine Bedeutung infolge sinkender Mitgliederzahlen nachgelassen. Der über den gesamten angelsächsischen Raum verbreitete Orden soll in Irland nur noch über rund 36.000 Mitglieder verfügen. Dennoch zeigt der Orange Day, daß der Orden nach wie vor über ein beeindruckendes  Mobilisierungspotential verfügt.

Zeichen des protestantischen Triumphs sind auch die zahlreichen Freudenfeuer in den protestantischen Wohngebieten, mit denen traditionell der Orange Day am Vorabend eingeleitet wird. Über Wochen hinweg schichten die Bewohner Holzpaletten und Autoreifen bis zu haushohen Bergen auf, auf deren Spitze wie auf einem Scheiterhaufen vor dem Anzünden eine irische Trikolore aufgesetzt wird. Auf manchen Scheiten sind zusätzlich grüne Trikots der unter Katholiken populären Fußballmannschaft Celtic Glasgow angebracht.

Samuel Morrison, Pressesprecher der Traditional Unionist Voice, der kleinsten im nordirischen Regionalparlament vertretenen protestantischen Partei, weist gegenüber der JUNGEN FREIHEIT darauf hin, daß es zwischen Belfast und dem ländlichen Raum einen Unterschied in den Feierlichkeiten gäbe. Während auf dem Land stärker Wert auf religiöse Traditionen gelegt würde, nähmen in Belfast viele Feiernde den Tag als Anlaß zu ausgiebigen Alkoholkonsum.

Dem Friedensprozeß zum Trotz kommt es am 12. Juli nach wie vor zu Gewaltausbrüchen. So lieferten sich in diesem Jahr im katholischen Stadtteil Falls irisch-nationalistische Jugendliche mit den Sicherheitskräften heftige Auseinandersetzungen. Diese setzten sich auch am nächsten Tag fort, als eine protestantische Parade gegen den Protest der Bewohner durch die katholische Siedlung Ardoyne zog. Veränderte Siedlungsmuster sind der ständig wiederkehrende Hauptgrund für die Gewalt, da die Paraden traditionell Wegstrecken durch Gebiete folgen, die früher von Protestanten bewohnt waren.

Am Orange Day zeigt sich die nord­irische Gesellschaft nach wie vor gespalten. Doch auch hier werden seit 2006 Bemühungen unternommen, die Parade in Belfast unter dem Paradigma des Friedensprozesses umzugestalten. Die Kontroll-Behörde der Parades Commission hat hierzu vor einigen Jahren eine Kampagne gestartet – aus dem Orange Day soll das Orangefest werden. Nicht ohne Absicht ist der neue Name aus der deutschen Sprache entlehnt und erinnert an das weltbekannte Münchener Oktoberfest. Weg vom spalterischen Image, hin zu Weltoffenheit und Inklusivität, die vor allem auch Touristen anziehen soll.

Jedoch sind erhebliche Zweifel angebracht, ob die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. Die Vorstellung, daß sich am 12. Juli auch nur ein Katholik freiwillig in die Innenstadt von Belfast begibt, um einer Oranier-Parade beizuwohnen, ruft unter Katholiken nur Gelächter hervor. Die Parade ist für ihre Volksgruppe nach wie vor von einem unverkennbaren provokativen Charakter. Sie nutzen den Feiertag wie einen gewöhnlichen Werktag oder entfliehen zum Kurzurlaub vor allem in die benachbarte irische Grafschaft Donegal.

Doch auch unter Protestanten ruft die Kampagne wegen ihres neuen Anspruchs Kritik hervor. Brian Kennaway, Historiker des Orange Order, zeigte bei der Vorstellung der Pläne Verständnis für die Skepsis der katholischen Seite und betonte, daß der Oranier-Orden in seiner tiefen Natur ausschließlich inklusiv für Protestanten sei und Katholiken ausschließe. Tiefer kann die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit kaum ausfallen. In der Frage, wie dieser Widerspruch aufgelöst werden kann, bleibt die Behörde nach wie vor eine befriedigende Antwort schuldig.

In diesem Jahr zeigen sich die Änderungen nur in Marginalien. Vor dem Rathaus stehen vier Imbißstände, nur wenige Ladengeschäfte in der Innenstadt nutzen die neue Möglichkeit, an dem Feiertag zu öffnen. Eine Besucherin aus Übersee, die vor mehr als 30 Jahren ihre nordirische Heimat verließ, bestätigt, daß sich an der Parade zu früher eigentlich nichts geändert habe. Die neue Weltoffenheit des Orangefests könne sich nur bei Protestanten und Touristen entfalten.

Die versuchte Umgestaltung des 12. Juli zum Orangefest ist nur ein Symptom einer Entwicklung, die viele Protestanten als eine kontinuierliche Erosion ihrer Kultur und Identität wahrnehmen. Bereits 2002 warnte der damalige Nord-irlandminister John Reid vor der Gefahr, daß Nordirland „eine kalte Heimat für Protestanten“ werden könne. Die Verbundenheit zu Großbritannien wird als einseitig empfunden, seit die britische Regierung 1990 erklärte, sie habe kein strategisches Interesse an Nord­irland. Was allgemein als Meilenstein zum Friedensprozeß anerkannt wird, sahen wiederum viele Protestanten als Ausverkauf ihrer Interessen durch das Mutterland.

Der starke innere Zusammenhalt der katholischen Volksgruppe und die demographische Entwicklung entfalten eine Dynamik, die die Mehrheitsverhältnisse und Balance in wenigen Jahrzehnten umkehren könnte und schon jetzt die Selbstwahrnehmung der Protestanten als eine „Volksgruppe im Belagerungszustand“ bestärkt. Dann wäre für die katholischen Nationalisten die Zeit reif, den gegenwärtigen Status der Provinz als Teil der britischen Union in Frage zu stellen und das Ziel einer Wiedervereinigung des Nordens mit der Republik Irland in einem Referendum zur Wahl zu stellen.

Doch selbst unter diesen für sie günstigen Voraussetzungen könnten sich die Nationalisten verrechnen. Wie eine kürzlich veröffentlichte Umfrage ergab, wünschen derzeit lediglich 33 Prozent der nordirischen Katholiken die Vereinigung mit dem Süden, während eine deutliche Mehrheit von 52 Prozent den Verbleib in der Union bevorzugt. 1998 ergab die gleiche Umfrage noch eine Zustimmung von 49 Prozent für den Süden gegen 19 Prozent für die Union. Nationalistische Politiker reagierten mit Verblüffung und Unglauben. Doch angesichts des desaströsen wirtschaftlichen Niedergangs des einstigen „keltischen Tigers“ kann dieses Resultat kaum überraschen. Vermutlich hängen die nordirischen Katholiken mit ihrem Kopf doch näher an der britischen Union als mit dem Herzen an der Republik.

 

Karfreitagsabkommen

Die Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens (Stormont-Abkommen) am Karfreitag, den 10. April 1998, gilt als Wendepunkt in der Geschichte Nord­irlands. Unterzeichner waren die britische und irische Regierung sowie die Mehrheit der Vertreter der pro-britischen Protestanten- und irisch-republikanischen Katholikenparteien.

Irland gab unter anderem seine territorialen Ansprüche auf Nordirland auf. Großbritannien stimmte der Möglichkeit einer Vereinigung Irlands zu, sofern die Mehrheiten dafür vorhanden sind, und Protestanten sowie Katholiken stimmten zudem ihrer Entwaffung zu. Mehr als 13 Jahre später stellt sich die Situation weitaus entspannter dar. Dennoch kommt es nach wie vor zu als „sectarian attacks“ bezeichneten politisch-religiös motivierten Gewalttaten.