© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  29/09 10. Juli 2009

Die Scheidung einer zerrütteten Ehe
Die Schotten und ihr Nationalgefühl: Nach zehn Jahren Regionalisierung steht nun ein mögliches Ende der Union mit England in Aussicht
Daniel Körtel

Mit seinen fest geschlossenen Händen umfaßt der kräftige Athlet im Kilt den fünf Meter hohen Baumstamm und beugt sich stufenweise heruntertastend bis zu seiner Basis, bevor er den schweren Stamm an seine linke Schulter gelehnt hochstemmt. Den Stamm aufrecht haltend, geht er ein paar Meter geradeaus und wirft ihn endlich mit einem Kraftschrei nach vorn. In einem weiten Bogen landet der Stamm in gerader Linie vor seinem Werfer. Das Ergebnis ist zur Zufriedenheit der Schiedsrichter und des umstehenden Publikums ausgefallen, denn hierbei kommt es nicht auf Distanz an, sondern auf einen korrekten Wurf.

Die Highland Games sind eng mit dem Militär verbunden

Die muskelbepackten Kraftpakete im Kleiderschrankformat, die sich hier im Werfen von Baumstämmen messen, sind Wettkämpfer der diesjährigen Atholl Gathering Highland Games, die Ende  Mai auf Blair Castle abgehalten wurden, einem malerischen Schloß in den idyllischen Grampain Mountains von Zentralschottland.

Blair Castle ist auch der Standort der Atholl Highlanders, der einzigen offiziellen Privatarmee des britischen Königreichs. Die Parade der rund 100 Mann starken Truppe des Duke of Atholl ist fester Bestandteil im Programm dieser Veranstaltung, zu deren Anlaß die Soldaten einen Wachholderbüschel als Zeichen des Murray Clan of Atholl an die Mütze gesteckt haben. Erstmals eingesetzt im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg, ist sie heute nur noch dem Namen nach eine Armee. Die Atholl Highlanders gehen im Alltag normalen Brotberufen nach und absolvieren den Dienst lediglich in ihrer Freizeit. Doch mit ihrem schneidigen Auftreten hält diese Folklorearmee nach wie vor die Erinnerung an die soldatischen Tugenden der schottischen Hochländer aufrecht, die die tapfersten und besten Regimenter des Britischen Empire stellten.

Das spektakuläre Baumstammwerfen,  „tossing the caber“ genannt, ist nicht die einzige Disziplin auf diesem Volksfest. Auf einer Bühne führen gerade zu der quäkenden Melodie eines Dudelsacks zwei junge Mädchen vor einer Schiedsrichterin einen schottischen Schautanz vor. Grazile Bewegungen, auf der Stelle springende Beinarbeit und kunstvolle Armbewegungen, synchron zwischen den Partnerinnen abgestimmt, kennzeichnen diese volkstümliche Art des Tanzens, die in alten Zeiten über auf den Boden liegende Schwerter beziehungsweise auf einem mit einem hohen spitzen Dorn in der Mitte bewehrten Schild ausgeführt wurde.

Gleichzeitig haben an zwei Enden der Arena zwei Dudelsackspieler ihren Auftritt. Die dicken roten Backen der Musiker lassen erkennen, welche Kraftanstrengungen zur Beherrschung dieses anspruchsvollen Instruments nötig sind. Die Mindestausstattung der Tracht mit dem tartan-gemusterten Kilt ist obligatorisch. Besondere Spannung für das Publikum bringt der am Nachmittag abgehaltene Mannschaftswettbewerb im Tauziehen. Der strapaziöse Einsatz für den Sieg ist den Sportlern dabei regelrecht ins Gesicht geschrieben.

In dem Charakter ihrer einzelnen Disziplinen ist die militärische Herkunft der Highland Games unschwer erkennbar. Die schottischen Könige nutzten sie erstmals im Mittelalter im Rahmen der Clan-Versammlungen, um die besten Krieger auszuwählen. Rund 100 dieser populären Veranstaltungen werden jährlich in der Zeit von Mai bis September abgehalten. Institutionen zur Traditionspflege – so wie sie die Highland Games darstellen – sind unerläßlich, wenn eine Nation ohne Staat ihre kulturelle Identität bewahren will.

Obwohl Schottland auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitskriege mit dem englischen Nachbarn in der Erklärung von Arbroath (1320) seinen unbedingten Willen zur Eigenständigkeit bekräftigte „solange hundert von uns am Leben sind“, löste sich das schottische Parlament 1707 zugunsten der Union mit England zum Vereinigten Königreich von Großbritannien auf, nachdem beide Reiche bereits seit rund 100 Jahren in Personalunion von einem König regiert wurden. Was für die schottischen Parlamentarier eine Vernunftehe war, um Zugang zu den abgeschotteten Kolonialmärkten Englands zu erhalten, wirkte auf die einfachen Schotten hingegen wie eine Zwangsheirat, der von englischer Seite mit Druck und Bestechung nachgeholfen wurde.

Doch mit dem Erdrutschsieg der Labour-Partei bei den britischen Parlamentswahlen 1997 brach für Schottland die spannendste Phase seiner jüngsten Geschichte an. Ein Wahlversprechen einlösend, hatte der aus Schottland stammende Premier Tony Blair unmittelbar die Dezentralisierung des Königreichs in die Wege geleitet. Abgesichert durch ein Referendum wurde Schottland im Rahmen des als „Devolution“ bezeichneten Prozesses ein begrenzter Autonomiestatus in regionalen Belangen übertragen.

Im Jahr 1999 tagte erstmals das wiedereröffnete schottische Parlament, das in diesem Juli sein nunmehr zehnjähriges Bestehen feiert. Ein neues Parlamentsgebäude wurde 2004 seiner Bestimmung übergeben. Das gegenüber Holyrood House, der Edinburgher Residenz der britischen Königin, errichtete Gebäude geht auf einen Entwurf des katalanischen Architekten Enric Miralles zurück, der in der Struktur und der Bausubstanz des vielgestaltigen Gebäudes zahlreiche Verbindung zu dem Land knüpfen wollte, welches das Parlament repräsentiert. Miralles erhielt auch deswegen den Zuschlag, weil er aus seiner Heimat mit Autonomiefragen vertraut war. Zwar sahen viele Schotten in den auf 400 Millionen Pfund ausgeuferten Baukosten einen schweren Verstoß gegen die zu Unrecht als Geiz titulierte Tugend der schottischen Sparsamkeit, doch das preisgekrönte Gebäude zählt immerhin zu den meistbesichtigten von Großbritannien.

Eine weitere historische Zäsur ergaben die schottischen Regionalwahlen von 2007, die erstmals einen deutlichen Sieg der Schottischen Nationalpartei SNP brachten. 1934 gegründet, fristete sie jahrzehntelang ein Schattendasein, bis ihr in den 1970er Jahren erste Stimmengewinne gelangen, die allerdings durch das britische Mehrheitswahlrecht marginalisiert wurden. Statt dessen mußten die Schotten die frustrierende Erfahrung hinnehmen, daß Margret Thatcher ihre eiserne Politik durchsetzen konnte, obwohl ihre konservativen Tories hier kein Bein auf die Erde bekamen.

Mit der für deutsche Verhältnisse undenkbaren Kombination aus separatistischem Nationalismus und sozialdemokratischer Programmatik löste die SNP nun die in Schottland traditionell starke Labour Party vom ersten Platz in der Parteienhierarchie ab und errang die relative Mehrheit im schottischen Parlament. Bislang gründete die SNP ihre Stärke auf die junge, gut ausgebildete und mobile Gruppe in der Wählerschaft, doch gelang ihr in den letzten Jahren zusätzlich der tiefe Einbruch in die von Labour enttäuschte Arbeiterschaft. Der unter dem Label „New Labour“ fahrende neoliberale Kurs der Partei hat – ähnlich wie in der SPD unter Gerhard Schröder – viele ihrer Anhänger nicht überzeugt und ihr sogar entfremdet.

Prominente Unterstützung auch finanzieller Art erhält die SNP von dem Hollywood-Schauspieler Sean Connery. Connery, der in Edinburgh in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, bescheinigte Labour in seiner kürzlich auch in Deutschland erschienenen Autobiographie „Mein Schottland, mein Leben“ einen „bedauerlichen Werteverlust“ und hielt Tony Blair vor, kein wirklicher Sozialist zu sein. Damit dürfte er vielen Schotten aus dem Herzen gesprochen haben.

Seitdem steht der SNP-Vorsitzende Alex Salmond (54) als Erster Minister mit einem Minderheitenkabinett der schottischen Regierung vor. Voriges Jahr forderte Salmond für 2010 ein Unabhängigkeits-Referendum über die volle Souveränität Schottlands von England. Der smarte Politiker bedient sich in seiner Argumentation nicht der von der Gegenseite als „Anglophobie“ verhöhnten anti-britischen Ressentiments. Unter dem Motto „small is beautiful“ hebt der früher als Wirtschaftssachverständiger für Öl- und Energiefragen tätige Politiker vielmehr die ökonomischen Vorzüge einer Unabhängigkeit hervor. Mit seinen drei Haupt-Standbeinen Nordseeöl, Tourismus und Whiskyproduktion neben Finanzdienstleistungen und der Elektronikbranche könnte das Land gut auf sich alleine gestellt überleben.

Bei seinen schottischen Landsleuten kann Salmond mit Sympathie für seine Pläne rechnen. Die Beziehung der Schotten zum Westminster-Parlament in London dürfte durch die gravierenden Skandale um die maßlose Selbstbedienungsmentalität seiner Abgeordnetenklasse nachhaltig zerrüttet sein. Meinungsumfragen belegen einen hohen Vorrang der schottischen Identität weit vor der britischen. Zudem legen Untersuchungen nahe, daß „Devolution“ der Unabhängigkeitsbewegung nicht wie erhofft den Wind aus den Segeln genommen, sondern ihr im Gegenteil sogar noch zusätzlichen Schwung verliehen hat.

Noch ist offen, ob es zu einem Referendum kommen wird

Doch so wie auf der zwischenmenschlichen Ebene manche zerrüttete Beziehung aus wirtschaftlichen Gründen aufrechterhalten wird, könnte die gegenwärtige globale Finanzkrise den Plänen der Unabhängigkeitsbefürworter wiederum einen Strich durch die Rechnung machen.

Ausgerechnet die Royal Bank of Scotland, Salmonds früherer Arbeitgeber und eines der ökonomischen Aushängeschilder Schottlands, mußte mit massiven Milliardentransfers aus der britischen Staatskasse vor dem Kollaps gerettet werden.

Noch ist offen, ob es zu einem Unabhängigkeits-Referendum kommen wird. Doch sollten die Schotten in einem solchen Fall den Scheidungsbrief ausstellen, würde das eine merkwürdige Ironie der Geschichte mit sich bringen: die Wiedererrichtung des von den Römern errichteten Hadrian-Wall als symbolische Grenze zwischen Schotten und Engländern – diesmal nicht, um die Schotten von den Engländern auszugrenzen, sondern die Engländer von den Schotten.