© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  14/09 27. März 2009

Der Tag, an dem alle Menschen Iren sind
Nationalfeiertag mit kosmopolitischem Anspruch: Im Angesicht von Wirtschafts- und Identitätskrise beging Irland den St. Patrick’s Day
Daniel Körtel

Wild gestikuliert der Mann im grün-goldenen Bischofsornat mit seinem Krummstab in die Luft, auf dem Kopf trägt er eine Mitra mit Keltenkreuz, seine Augen sind geschützt von einer grüngefaßten Sonnenbrille. Gelegentlich unterbricht er seine Gesten zum Gespräch mit den Zuschauern.

Was wie die grelle Wiederkehr des Heiligen Patrick auf seine grüne Insel als Popstar erscheint, ist ein Schauspieler, der in der Dubliner Innenstadt die diesjährige traditionelle Parade zum St. Patrick’s Day, dem irischen Nationalfeiertag am 17. März, anführt. Nach einzelnen Militäreinheiten folgt ihm ein langer Festzug von zwei Stunden Dauer mit Spielmannszügen und Schaustellern aus der ganzen Welt. Nach etwa der Hälfte der Strecke stoppt jede Gruppe vor der Ehrentribüne gegenüber dem Hauptpostamt an der O’Connell Street, dem legendären Schauplatz des blutig niedergeschlagenen Osteraufstands von 1916, um Präsidentin Mary McAleese die Ehre zu bezeugen.

Das bunte Spektakel durchteilt ein Menschenmeer, in dem Grün als die dominierende Farbe hervortritt. Sie rührt her von den zerknautschten Zylindern, die die meisten Zuschauer tragen. Auf vielen Hutbändern steht die nicht ganz ernst gemeinte Aufforderung „Kiss me, I’m Irish – Küss mich, ich bin Ire“. Die ulkigen Hüte sollen an Leprechauns erinnern, die Kobolde aus Irlands Märchenreich. Viele Kinder wiederum haben ihre Gesichter mit den Farben der irischen Trikolore – Grün, Weiß, Orange – oder ihre Wangen mit dem Nationalsymbol des Kleeblattes geschminkt. Die patriotische Kostümierung nimmt vereinzelt auch aufwendigere Formen an.

Während andere Staaten an ihrem Nationalfeiertag revolutionärer Akte oder kriegerischer Ereignisse gedenken, wählten die Iren für diesen Zweck den Todestag ihres Inselmissionars Patrick, der noch nicht einmal aus Irland stammte. Und für einen Todestag geht es dabei erstaunlich fröhlich zu. Sein einstmals religiöser Charakter ist mit der seit 1995 erstmals erlaubten Öffnung der Pubs ohnehin fast restlos verlorengegangen und nur noch der Namensgeber erinnert an die frühere Bedeutung. Die an diesem Tag ausgestrahlte Weltpremiere einer Folge der US-Comic-Serie „Die Simpsons“ mit inhaltlicher Verknüpfung zum St. Patrick’s Day macht statt dessen anschaulich, wie sich selbst der irische Nationalfeiertag inzwischen den Gesetzen des marktwirtschaftlich orientierten Marketings angepaßt hat.

„Sky is the limit – Nach oben hin offen“, lautet in diesem Jahr das ambitionierte Motto des sechstägigen Festivals mit einem umfangreichen Unterhaltungs- und Kulturprogramm, dessen krönenden Abschluß die Parade bildet. St. Patrick’s Day ist dabei mehr als irischer Karneval. An diesem Tag zeigt sich Irland so, wie es von der Welt am liebsten gesehen werden möchte. Die Iren wollen nicht allein das ewige Klischee des etwas chaotischen, humorvollen und ausgelassen feiernden Paddy bedienen, sondern sich als ein weltoffenes und global orientiertes Volk präsentieren, was im Hinblick auf die Exportorientierung seiner Wirtschaft nicht weiter verwunderlich ist. Denn erst die Globalisierung ermöglichte dem einstigen Entwicklungsland und Armenhaus den Aufstieg zum High-Tech-Dienstleister.

Da ist es nicht ohne Ironie, daß ausgerechnet diese Globalisierung dem einstigen Wirtschaftswunderkind wiederum einen tiefen Fall beschert hat. Schwer getroffen von der geplatzten Immobilienblase und der globalen Finanzkrise fiel das Land als erstes EU-Mitglied in die Rezession. War es noch vor zwei Jahren nur eine Frage von wenigen Stunden, bis ein Neuankömmling in Dublin, der dynamischen Hauptstadt der Republik Irland, eine Arbeitsstelle fand, macht nun nach Jahren der Vollbeschäftigung zum ersten Mal seit den depressiven 1980er Jahren eine Generation die schmerzhafte Erfahrung der Arbeitslosigkeit, deren Quote im rasanten Tempo die Marke von zehn Prozent durchbrochen hat.

Ministerpräsident Brian Cowen warnte seine Landsleute, ihr Lebensstandard könne demnächst um mehr als zehn Prozent sinken, während Finanzminister Brian Lenihan schmerzhafte Entscheidungen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ankündigte und Irland um seine ökonomische Zukunft kämpfen sieht. Die Entscheidung des amerikanischen Computerherstellers Dell, seine Fertigung in Limerick einzustellen und 1.900 Arbeitsplätze nach Polen zu verlagern, ist ein ernstzunehmender Indikator dieser Verschiebungen, in denen das Brüllen des „Keltischen Tigers“ zu einem kläglichen Maunzen zusammengeschnurrt ist, das auf keine Maus mehr Eindruck macht. Irlands Vorbildrolle für andere unterentwickelte Ökonomien ist dahin, statt dessen wird das Land heute in einem Zug mit osteuropäischen Pleitekandidaten genannt.

Über diese trüben Aussichten haben Massenproteste es in den vergangenen Monaten in der Dubliner Innenstadt eng werden lassen. Da kommt der St. Patrick’s Day genau richtig, um wenigstens an einem Tag Abstand von den kummervollen Sorgen zu gewinnen. „Stop Worrying! Things are bad enough – Hört auf euch zu ängstigen! Die Dinge sind schlimm genug“, appelliert treffend das Plakat einer Paradegruppe an die rund 675.000 Zuschauer, unter denen viele Besucher aus dem Ausland sind. Das Festival ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Tourismusbranche, die im vergangenen Jahr einen spürbaren Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen mußte. Darüber hinaus dient der St. Patrick’s Day dazu, die Beziehungen zu den Iren im Ausland zu bekräftigen, die auch in der Diaspora ihre Herkunfts­identität hochhalten.

Aber neben Folklore, Selbstpräsentation und Traditionspflege bietet das Festival seit mehreren Jahren Anlaß, über den Zustand der irischen Identität zu reflektieren, nachdem die Modernisierung der vergangenen zwei Jahrzehnte zur Auflösung der Einheit von nationaler und religiöser Identität geführt hat. Irlands Gesellschaft ist heute im Post-Katholizismus angekommen. Es besteht eine tiefe Unsicherheit darüber, was es heute heißt, irisch zu sein.

Hinzu kommt die Masseneinwanderung, die dem bislang ethnisch homogenen Gesicht Irlands eine facettenreichere Note gegeben hat. Zum St. Patrick’s Day 2007 wähnte die Irish Times euphorisch die Iren bereits in einem postnationalen Zeitalter angekommen: „Wir alle sind heute das gesprenkelte Volk. Selbstbewußt, wohlhabend, nach vorne schauend, internationalistisch, können wir es uns leisten, unsere Identität in Begriffen zu definieren, die unsere überlappende Vielfältigkeit von Loyalitäten und Verschiedenheit feiern. Das neue Irland ist mehr ein Zustand des Herzens als ein Sinn für einen Ort.“

Gesellschaftlicher Wandel kann die Neubewertung und -ausrichtung liebgewonnener Traditionen erfordern, um den Zusammenhalt eines Gemeinwesens auch unter geänderten Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Patricks integrative Rolle besteht heute nicht mehr als religiöse Symbolfigur, sondern in der Betonung seines Vorbildcharakters als friedlicher Gestalter des graduellen Übergangs heidnischer Stammesgesellschaften zur christlichen Zivilisation. Die Spätantike grüßt die moderne Einwanderungsgesellschaft.

In diesem Sinne erinnerte in diesem Jahr die irisch-katholische Kirche dezent daran, daß Patrick zunächst als Migrant aus Britannien nach Irland kam. Das ist allerdings eine sehr beschönigende Umschreibung für die Verschleppung eines Jugendlichen durch irische Plünderer in die Sklaverei.

Doch die postnationale Gesellschaft liegt in erster Linie im Bestreben des kulturellen Establishment und der politischen Elite Irlands. Aber da noch lange nicht ausgemacht ist, ob die Iren als Volk dabei auch mitziehen, wird auch die Organisation des St.-Patrick’s-Festivals in das pädagogische Instrumentarium miteinbezogen, um sie auf diesen Wandel einzustimmen. „City Fusion“ ist der Name jenes Projekts, zu dem sich verschiedene Initiativen in Anlehnung an Festivalleitung und städtische Einwanderungsbehörde zusammengeschlossen haben, um die urbane Vielfalt des modernen Dublin und seiner Einwandergruppen abzubilden. Ihre Präsentationen sind seit 2007 fester Bestandteil des Paradezugs. „Konferenz der Vögel“ lautet in diesem Jahr der Titel des Ensembles von der Geschichte über eine Gruppe von Vögeln, die durch die Überwindung von einsperrenden Vorurteilen zu einer neuen Wertschätzung des Lebens finden. Doch wie weit die Realität von derartigen idealistischen Wunschvorstellungen entfernt ist, zeigen die gleichzeitigen Krawalle in den Dubliner Unterschichtenvierteln, in denen jene Iren leben, die sich offenbar zurückgelassen fühlen.

Doch es wäre falsch, den neuen inklusiven Anspruch des Festivals allein den Effekten der Säkularisierung und der Zuwanderungen zuzuschreiben. Es geht auch um die Signalwirkung an den britischen Norden der Insel, wo die Parademärsche katholischer und protestantischer Fraktionen regelmäßig für Zündstoff sorgten.

Der Friedensprozeß in der einst notorischen Unruheprovinz hat bereits bedeutende Fortschritte erzielt, denen auch die jüngsten Anschläge republikanischer Splittergruppen nichts anhaben können. In den letzten Jahren ist man dazu übergangen, den polarisierenden Charakter der Paraden abzumildern. Gerade hier bietet sich Patrick als gemeinsame Symbolfigur und Bezugsperson an, auf die sich alle Lager mit ihren religiösen Traditionen beziehen können. Die in diesem Jahr in Belfast veranstaltete St. Patrick’s Parade war die größte seit langer Zeit.

Der St. Patrick’s Day ist zu Irlands bedeutendstem kulturellen Exportschlager mit kosmopolitischer Qualität aufgestiegen, selbst dort wo keine nennenswerten irischen Auslandsgemeinden existieren. Er ist zu einem Tag geworden, an dem alle Menschen Iren sind oder es zumindest einmal sein wollen. Die größte Parade hierzulande fand am vergangenen Sonntag in München im Beisein des irischen Landwirtschaftsministers Brendan Smith statt.

Man mag die Popularität des irischen Nationalfeiertags in Deutschland unter zwei Aspekten interpretieren: als Ausdruck einer romantisch gestimmten Sympathie zu Irland, deren Wurzeln bis zu den Gebrüdern Grimm zurückreichen – oder als handfestes Symptom der eigenen Identitätskrise.