Re-Imaging Communities

Mural Painting im Wandel des Friedensprozesses

Von Daniel Körtel

Belfast/Kassel (September 2007): In den vergangenen Monaten sind dem Friedensprozeß in Nordirland entscheidende Impulse versetzt worden. Ausgerechnet eine Koalition aus der loyalistischen DUP des Protestantenpredigers Ian Paisleys und der irisch-republikanischen Sinn Fein, dem früheren politischen Arm der IRA, stehen der im Mai 2007 neu eingesetzten Autonomieregierung vor. Wer heute Paisley und seinen Stellvertreter Martin MacGuiness fast wie gute Freunde zusammenstehen sieht, kann kaum glauben, daß beide sich erst vor kurzem noch als erbitterter Todfeinde gegenüberstanden. Ausgerechnet diese bizarre Koalition entfaltet jene positive Dynamik, die in den Jahren nach 1998 seit Verabschiedung des Karfreitagabkommens so schmerzlich vermißt wurde. Die Bewohner Nordirlands nehmen diese unerwartete Wende mit großem Optimismus auf. Die ehemalige Unruheprovinz - "Großbritanniens Kosovo" - ist auf einem guten Weg und in ihrer Entwicklung weiter als in ihrer ganzen Geschichte, seit sie 1921 als "protestantischer Staat für ein protestantisches Volk" gegründet wurde. Da Kunst auch immer eine Reflektion der Wirklichkeit ist, ist interessant zu beobachten, wie sich die neue Situation auf die als Mural Painting bekannte Form politischer Straßenkunst in Nordirland auswirkt.

Mural Painting geht auf eine 100 Jahre alte loyalistische Tradition zurück, die im Nordirlandkonflikt zu einer besonderen Blüte trieb. In den Hochburgen der Konfliktparteien, die klassischen Arbeiterviertel, dienen seitdem vor allem Giebelwände und Mauern als Staffage für Symbole, Ikonen, Slogans und Bilder, die mit der Identität ihrer Maler zusammenhängen.

Zwischen den auf den Wandbildern darstellten Motiven republikanischer und loyalistischer Künstler sind bedeutende Unterschiede festzustellen. Während die republikanische Seite auf ein breites Repertoire aus Mythologie, Geschichte, Politik und internationalen Beziehungen schöpfen kann, standen bislang den loyalistischen Künstlern erheblich weniger Möglichkeiten zur Verfügung, reichte ihre Geschichte auf der grünen Insel gerade 400 Jahre bis zum Beginn der Plantation - der gezielten Ansiedlung englischer und schottischer Siedler durch die Krone - zurück. Entsprechend oft findet sich in ihren Darstellungen kontinuierlich über die letzten Jahrzehnte hinweg als immer wiederkehrendes Motiv der maskierte Milizionär mit der Waffe in der Hand. In dieser erstarrten Ikonographie spiegelt sich in gewisser Weise die mentale Lage des protestantischen Lagers in Nordirland wieder, dessen einziges Ziel im Erhalt des Status Quo bestand.

Unterschiede finden sich auch im Entscheidungsprozeß, welches Motiv gemalt wird. Auf republikanischer Seite bestehen mehrer Möglichkeiten: entweder die Sinn Fein bestimmt, ein Komitee oder der Künstler selbst wählt frei aus. Auf loyalistischer Seite ist die Antwort einfach: es entscheidet einzig und allein die in dem jeweiligen Gebiet dominierende paramilitärische Gruppe. Das bedeutet aber nicht, daß bei der republikanischen Motivauswahl liberale Verhältnisse herrschen. Auch ein republikanischer Künstler wird sich schwer tun, seine Kritik an der umstrittenen Beteiligung der Sinn Fein an der Polizeiaufsicht in einem Wandbild zu thematisieren.

Im Laufe der vergangenen Jahre wurde bereits eine Reihe von besonders martialischen Wandbildern entfernt, allerdings weniger als Ergebnis des Friedensprozesses, sondern aufgrund einer brutal ausgetragenen Fehde innerhalb der UDA, des Dachverbandes der loyalistischen Milizen. "Mad Dog" Johnny Adair und seine "B-Company" verloren den Machtkampf und mit ihnen verschwand in der Lower Shankill Road nicht nur das rührende Porträt von Lady Di, das Adair besonders am Herz lag, sondern auch jenes bekannte brachiale Bild, das "Eddie the Beast" (dem Maskottchen der Heavy Metal-Band Iron Maiden) als zentrales Element hatte.

Ausgehend von einem Programm der Arts Council of Northern Ireland soll die Ersetzung bestehender Wandbilder durch Motive mit positiven Inhalten forciert werden. Das im Juli 2006 vorgestellte und auf drei Jahre angesetzte Programm mit dem Titel "Re-Imaging Communities" wird von der britischen Regierung mit 3,3 Millionen Pfund (4,78 Millionen Euro) unterstützt. Obwohl es sich an alle Gemeinschaften wendet, zielt es vor allem auf die loyalistischen Wohngebiete ab, was energische Kritik von der Sinn Fein hervorrief.

Die britische Kulturministerin Maria Eagle ist voll des Lobes für das Projekt: " Die Absicht des Programms ‚Re-Imaging Communities' wird es sein, die örtlichen Bewohner und ihre Gemeinschaften dazu motivieren, Wege zu finden, um trennende Wandbilder und Embleme durch solche mit positiverer Bildkraft zu ersetzen.

Neue Wandbilder und öffentliche Kunst wird Parks, Wohngebiete und Neubaugebiete über ganz Nordirland hinweg umgestalten, das Bestreben der ganzen Gemeinschaft feiern und Menschen dabei helfen, sich als Teil ihrer örtlichen Gemeinschaft zu fühlen."

Ihr Kollege David Hanson vom Sozialministerium wird noch deutlicher, wenn er erklärt, daß das ultimative Ziel des Programms in der Befreiung der Gemeinschaften von paramilitärischen Einflüssen besteht.

Zusätzlich bestehen nach Auskunft des Soziologen Bill Rolston sogar Überlegungen, die Peaceline zwischen Falls und Shankill zu bemalen!

Erste Ergebnisse des Umgestaltungsprozesses sind bereits jetzt zu besichtigen und zeigen die Schwierigkeiten der loyalistischen Künstler bei der Motivauswahl. So ist auf zwei neuen Wandbildern der aus Belfast stammende Weltklasse-Fußballspieler George Best zu sehen, der 2003 verstarb und unter großer Anteilnahme der nordirischen Bevölkerung zu Grabe getragen wurde. Das Problem bei einem solchen Motiv besteht jedoch darin, daß George Best sich nie als Loyalist, sondern als die gemäßigtere Variante Unionist verstand.

Auch zeigen sich Versuche, auf mythologische Mustervorlagen zurückzugreifen. In einem fast comicartigen, erfrischend wirkenden Stil werden in der Lower Shankill auf zwei Wandbildern neueren Datums die Legenden um Cuchulainn sowie die mythische Herkunft der Roten Hand von Ulster - Nordirlands allgegenwärtigen Symbol - dargestellt. Von den verschiedenen Legenden wurde die ausgewählt, wonach bei einer vorchristlichen Invasion Irlands zwei Kapitäne im Wettstreit miteinander lagen, wer als erster das Land erreichen würde. In Sichtweite der Küste schnitt sich einer von ihnen die rechte Hand ab, warf sie an den Strand und machte so auf recht schmerzvolle Weise seinen Erstanspruch auf das eroberte Land geltend. Der loyalistische Zugriff auf Cuchulainn - eine Art irischer Siegfried - wirkt provokativ, fast im Sinne eines "geistigen Diebstahls", da diese Legenden-Figur eigentlich fester Bestandteil der irisch-keltischer Mythologie ist.

Der Erste Weltkrieg und die Titanic bilden die historischen Vorlagen für weitere loyalistische Motive. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich sehr viele Milizionäre aus der UVF freiwillig zum Dienst an der Front. Ihr Blutzoll an den Materialschlachten an der Somme war sehr hoch, entsprechend tief hat sich dieses Ereignis in das kollektive Gedächtnis der protestantischen Nordiren eingegraben. Traumatisch wirkte auch die Tragödie der Titanic, die in den Docks der Belfaster Schiffswerft Harland & Wolff gebaut wurde. Die Belegschaft dieser Werft war seit jeher protestantisch dominiert und spielte eine große Rolle im Ethos der loyalistischen Arbeiterschaft.

Presseberichten zufolge sind die neuen Wandbilder in der loyalistischen Bevölkerung gut aufgenommen worden. Der Belfaster Ratsherr Tom Ekin von der überkonfessionellen Alliance Party meinte über den neuen Trend: "Ich denke, die Wandbilder reflektieren eine Zeit in unserer Geschichte und sie müssen sich ändern, so wie sich die Zeit weiterbewegt."

"Re-Imaging Communities" hat aber auch Widerspruch hervorgerufen. Während die Sinn Fein die aus ihrer Sicht einseitige Bevorzugung loyalistischer Wohngebiete kritisiert, lehnt Alban Maginnes von der national-katholischen SDLP das Programm empört ab: "Es ist offensichtlich, daß alle paramilitärischen Wandbilder, die dazu dienen einzuschüchtern oder Reviere zu markieren, entfernt werden sollten. Tatsächlich ist ihre weitere Existenz illegal. Deshalb spottet die heutige Ankündigung wirklich jeder Beschreibung. Die Leute sollten nicht dafür bezahlt werden, paramilitärische Wandmalereien herunterzunehmen. Man sollte sie anweisen, es zu tun."

Der Prozeß der Umgestaltung nordirischer Konfliktgemeinden ist in vollem Gange, sein Ergebnis in der Zukunft noch nicht absehbar. Es bestätigt sich die Erwartung, daß auch ein positiver Verlauf des Friedensprozesses nicht zu einem Verschwinden dieser Wandkunst führt. Es wird lediglich ein neues, aber doch sehr bedeutendes und spannendes Kapitel in der Geschichte dieser eigenartigen Kunst geschrieben.

Dieser Report entstand als Ergebnis einer Nordirlandreise Ende August 2007 und eines in diesem Rahmen stattgefundenen Gesprächs des Berichterstatters mit Bill Rolston, einem Wissenschaftler und Buchautoren, der seit Jahrzehnten über die nordirischen Wandbilder forscht.


 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 08/17 / 17. Februar 2017

Mit der Abrißbirne am Abtreibungsverbot
Irland: Eine hartnäckige Lobby zielt auf ein Referendum zur Abschaffung des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch
Daniel Körtel

Es ist eine Entscheidung von hohem Symbolwert für das religiöse Leben in Irland: Anfang Februar gab die katholische Gemeinde im Dubliner Vorort Finglas bekannt, ihre 1967 eröffnete Kirche der Verkündigung, eine der größten Kirchen in der irischen Hauptstadt, abzureißen und durch einen deutlich kleineren Bau zu ersetzen. Die Gemeinde begründet ihren Entschluß mit den hohen Unterhaltskosten und dem drastischen Rückgang bei den Gottesdienstbesuchen.

Nicht allein mit der Abrißbirne an Kirchengebäuden verändert sich der religiöse Charakter des einstmals streng katholischen Landes. Nach dem erfolgreichen Referendum zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe 2015 gibt es nun verstärkte Bestrebungen, mit der Abschaffung des Achten Verfassungszusatzes das strikte Abtreibungsverbot als letzten bedeutenden Werteeinfluß der katholischen Kirche aus der Verfassung der irischen Republik zu eliminieren.

Die katholische Kirche reagiert zaghaft auf Angriffe

Der Achte Verfassungszusatz besagt, daß der Schutz des ungeborenen Lebens gleichwertig ist zu dem der Mutter. Eine Abtreibung ist nur dann erlaubt, wenn durch die Schwangerschaft das Leben der Mutter bedroht ist. 

In der Praxis ist das Verbot durch den Abtreibungstourismus in das nahe England oder die Niederlande ohnehin unterlaufen. Doch seit geraumer Zeit nimmt der Druck auf das Abtreibungsverbot beständig zu. Emotional heizte sich die Debatte zusätzlich auf durch den dramatischen Fall von Savita Halappanavar. Die junge Inderin verstarb 2012 infolge von Schwangerschaftskomplikationen in einem irischen Krankenhaus. Da ihr Fötus bis zum Ende Herztöne aussandte, verweigerten die behandelnden Ärzte unter Hinweis auf die gesetzliche Lage eine Abtreibung.

Mit dem Rückenwind aus dem Referendum zur Homo-Ehe sehen die Pro-Choice-Aktivisten, die den Frauen die Entscheidung über eine Abtreibung überlassen wollen, die Zeit gekommen, ein Referendum für die Abschaffung des Abtreibungsverbots auf den Weg zu bringen. 

So rief „Strike 4 Repeal“ für den Internationalen Weltfrauentag am 8. März zu einem nationalen Streik auf, falls bis dahin die Regierung kein Referendum über die Abtreibung ausruft. Die Irish Times, die wie alle Mainstreammedien dem Anliegen wohlwollend gegenübersteht, frohlockte: „Ein Streik an diesem Tag, ungeachtet wie klein die Beteiligung ist, wird nationale und weltweite Beachtung finden. Es wird das Fundament für weitere Streiks legen.“

Zaghaft zeigt sich demgegenüber die irisch-katholische Kirche in der Verteidigung ihrer Werte. Der Primas von Irland, Eamon Martin, erklärte in einem Interview, daß die Entscheidung über ein solches Referendum keine Angelegenheit der katholischen Kirche sei. Martin betonte, in der Lehre der Kirche finde sich nichts, „das sagt, man könne das überlegte und absichtliche Antasten des menschlichen Lebens an irgendeiner Stufe unterstützen“. 

Der Erzbischof ließ offen, ob die Kirche in einer Referendumskampagne Pro-Life-Gruppen finanziell unterstützen wolle. Gleichwohl wies er auf das Gefühl der Schieflage innerhalb dieser Bewegungen hin, da der Gegenseite ungleich größere Geldmengen für ihr Anliegen zufließen.

Mit ihrer jahrzehntelangen Lobbyarbeit in Politik und Gesellschaft sind die Pro-Choice-Aktivisten so nahe wie nie an ihrem Ziel. Die Citizen’s Assembly, eine bedeutende öffentliche Institution aus 99 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Bürgern, steht derzeit in Beratungen über das Abtreibungsverbot. Ein Referendum könnte bis Mitte 2018 stattfinden und die irische Gesellschaft stärker polarisieren als das über die Homo-Ehe. Dennoch sagen Umfragen einen deutlichen Zuspruch für eine Abschaffung des Abtreibungsverbotes voraus.

Nach einem für die katholische Kirche bitteren Ausgang wird Papst Franziskus voraussichtlich im August 2018 die Grüne Insel besuchen. Fast 40 Jahre nach der umjubelten Visite seines Vorvorgängers Johannes Paul II. wird er auf ein vollkommen verändertes Irland treffen. Wie immer das Land sich dann in seinem religiösen Selbstverständnis neu orientiert, mit seinem früheren Anspruch als „treueste Tochter der Kirche“ wird es nichts mehr gemein haben.


 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 20/16 / 13. Mai 2016

Alle Blicke richten sich auf London
Kommunalwahl Großbritannien: Die Hauptstadt setzt mit der Wahl Sadiq Khans Akzente / Labour-Schmach in Schottland / Ukip überrascht in Wales
Daniel Körtel

Großbritannien wählte, doch plötzlich richteten sich alle Augen auf London. Denn mit Sadiq Khan (Labour), dessen Eltern aus Pakistan einwanderten, kommt erstmals ein schiitisch-muslimischer Kandidat in das höchste Amt der Stadt. Mit rund 57 Prozent der Stimmen siegte er deutlich vor  dem Konservativen Zac Goldsmith, Sohn des Milliardärs Sir James Goldsmith. 

Zwar teilte Khan, der bei der letzten Labour-Regierung als Staatsminister für Verkehr tätig war, nach seinem Sieg deutlich aus, indem er den Wahlkampf der konservativen Torys mit dem „rassistischen“ des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump verglich. Unter anderem hatte Premier David Cameron Khan vorgeworfen, mehrere Male Veranstaltungen des radikalislamischen Predigers Suleiman Ghani besucht zu haben. Doch nun will der 45jährige Bürgermeister aller Londoner sein – genauer gesagt den steigenden Mieten und Immobilienpreisen Einhalt gebieten, den überlasteten Nahverkehr modernisieren, die Verschmutzung bekämpfen und sich für mehr und besser bezahlte Jobs einsetzen. 

Khans Sieg ist dem einen strammen Linksaußen-Kurs verfolgenden Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn keine Hilfe. In einem Zeitungsbeitrag kurz nach seiner Wahl empfahl Khan seiner Partei hingegen einen Kurs der Mitte: „Labour muß ein großes Zelt sein, das alle anzieht – nicht nur die eigenen Aktivisten.“ Aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) hat er allerdings nie einen Hehl gemacht.

Aufgrund der uneinheitlichen Wahlergebnisse vom vergangenen Donnerstag läßt sich keine Voraussage ableiten für den Ausgang des Brexit-Referendums Ende Juni. In Schottland ist eine deutliche Ablehnung des EU-Austritts zu erwarten und in Nordirland eine knappe. Doch die englischen Kernlande und Wales machen etwa 90 Prozent der Wählerschaft aus, die letztlich das Ergebnis bestimmen werden.

Neue Abstimmung für die Unabhängigkeit Schottlands

Bei den Wahlen zum schottischen Regionalparlament – den ersten nach dem Unabhängigkeitsreferendum 2014 – setzte sich die Erosion von Labour fort. Labour wurde mit 24 Sitzen (minus 13) auf den dritten Platz hinter den einst in Schottland so verhaßten Konservativen verwiesen, die wiederum mit 31 Sitzen (plus 16) ihr bestes Wahlergebnis seit Einführung der schottischen Selbstverwaltung erzielen konnten. Mit 63 Sitzen an der Spitze steht nach wie vor die von Nicola Sturgeon geführte SNP (Scottish National Party), die ihre absolute Mehrheit nur knapp verlor und wie in den vergangenen neun Jahren auch die nächste schottische Regierung stellen wird. Unterdessen kündigte Sturgeon für diesen Sommer einen Neustart der Unabhängigkeitskampagne ihrer Partei an.

In Wales hingegen konnte sich Labour unter leichten Verlusten als stärkste Kraft im neuen Regionalparlament behaupten, knapp unterhalb der absoluten Mehrheit von 30 Sitzen. Ihr folgt unter leichten Gewinnen mit zwölf Sitzen die republikanische Unabhängigkeitsbewegung Plaid Cymru, während die Konservativen elf Sitze erzielten. Die Überraschung lieferte die Ukip, die gleich mit sieben Abgeordneten in das Regionalparlament einzog. 

Marginale Veränderungen in der parteipolitischen Landschaft Nordirlands brachte die Wahl zum Stormont, dem Regionalparlament. Die einstige Unruheprovinz Großbritanniens wird auch weiterhin von einem Block aus der protestantischen, probritischen DUP (Democratic Unionist Party) und der linksnationalistischen, die Wiedervereinigung mit der Republik Irland anstrebenden Sinn Fein („Wir selbst“) dominiert. 

Die DUP konnte ihr Rekordergebnis aus den vergangenen Wahlen mit 29,2 Prozent halten und stellt mit Arlene Foster auch künftig den First Minister. Geringe Verluste ergaben sich für die SF (24 Prozent). Sie wird mit Martin McGuinness, einem früheren Kommandanten der IRA, auch weiterhin das Amt des Deputy First Minister besetzen.


 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 11/17 / 10. März 2017

Zwei Gewinner und doch kein Sieger
Nodrirland: Bei der Neuwahl zum Regionalparlament konnte die protestantische DUP nur knapp ihre Führungsposition verteidigen / Schwierige Verhandlungen
Daniel Körtel

Nur zehn Monate nach der letzten regulären Regionalwahl wurden die Bürger der britischen Provinz Nordirland am vergangenen Donnerstag zu einer Neuwahl aufgerufen. Nötig wurde sie, nachdem im Januar Martin McGuinness, der von der linksnationalistischen Sinn Fein gestellte stellvertretende Ministerpräsident der Allparteienregierung, zurücktrat. 

Anlaß war der Skandal über ein offenbar schlampig ausgearbeitetes Förderprogramm für erneuerbare Energien (RHIS), das Antragstellern hohe Gewinne einbrachte, dem Steuerzahler aber eine unerwartete Lücke von fast 500 Millionen Pfund. Verantwortliche Ministerin für dieses Programm war Arlene Foster, seit Januar 2016 Ministerpräsidentin von Nordirland.

Nordirlands politische Kultur ist nach wie vor von der Gruppendynamik zwischen den pro-britischen Protestanten und den pro-irischen Katholiken geprägt. Entsprechend ist das politische System seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 auf einen fragilen Machtausgleich zwischen beiden Lagern angelegt, bei dem die protestantischen Parteien stets die führende Rolle innehatten. 

Insofern war für das protestantische Lager das Wahlergebnis ein Debakel, das knapp an einer Katastrophe vorbeischrammte. Nur knapp konnte die DUP (Democratic Unionist Party) von Arlene Foster mit 28 Sitzen ihre Position als stärkste Kraft im Stormont, dem nordirischen Regionalparlament, knapp vor der linksnationalistischen Sinn Fein behaupten. Zwar hat die DUP damit nach wie vor Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten, verliert aber ihr Vetorecht, mit dem sie beispielsweise die Einführung der Homo-Ehe verhinderte.

Die Sinn Fein unter Michelle O’Neill  hingegen fuhr mit 27 Sitzen ihr bislang bestes Ergebnis ein. Von Nutzen war ihr nicht allein der Förder-Skandal. Ebenso kam ihr die Verärgerung vieler Wähler über den von der DUP massiv unterstützten Brexit entgegen, der im Referendum vom vergangenen Juni in Nordirland keine Zustimmung fand. Ausgerechnet Foster war eine ihrer besten Wahlhelferinnen, als sie die Partei mit einem Krokodil verglich, das nur noch mehr fordere, je mehr man es füttere.

Unerfüllt blieben die Hoffnungen der einst den Friedensprozeß in der früheren Unruheprovinz tragenden Parteien der Mitte, aus dem Streit der zwei großen Antagonisten einen Vorteil zu ziehen. Die nationalistische SDLP (Social Democratic and Labour Party) konnte sich mit zwölf Sitzen als dritte Kraft im Stormont behaupten, während die UUP (Ulster Unionist Party), die einstige Staatspartei Nordirlands, mit zehn Sitzen zum weiteren Verlierer des Unionismus wurde. Zu den Gewinnern zählt die überkonfessionelle Alliance Party, die ihren größten Stimmenanteil seit mehr als 30 Jahren erzielte und künftig acht Abgeordnete stellt.

Die nun anstehenden Gespräche für die Bildung einer neuen Allparteienregierung werden sich extrem schwierig gestalten. Die Sinn Fein hat eine Beteiligung von Arlene Foster so lange ausgeschlossen, bis ihre Rolle in dem RHIS-Förderprogramm endgültig geklärt ist. Doch erste Stimmen aus der DUP stellten klar, daß man nicht bereit sei, die eigene Parteichefin einem Ultimatum der Sinn Fein zu opfern. Sollten sich die Fronten weiter verhärten, müßte die britische Regierung wieder zur direkten Kontrolle aus London übergehen.


 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 14/16 / 01. April 2016

Als das Empire seinen Sieg verspielte
Schwieriges Gedenken: In Dublin feierte die irische Nation den hundertsten Jahrestag des Osteraufstands / Für Nationalisten bleibt die Teilung eine Wunde
Daniel Körtel

Dublin, am Mittag des Ostersonntags: In andächtiger Stille verharrt die Menschenmenge an den eisernen Absperrgattern, die die O’Connell Street, die Hauptverkehrsader der Dubliner Innenstadt, an diesem Tag vom Verkehr freihalten. Auf Großmonitoren verfolgen sie das Geschehen in der Mitte der Straße, dort wo sich vor dem neoklassizistischen Gebäude des Hauptpostamts der Stadt das Hauptgeschehen des Tages abspielt. Nacheinander treffen der Verteidigungsminister Simon Coveney, die Bürgermeisterin Críona Ní Dhálaigh, Ministerpräsident Enda Kenny sowie Staatspräsident Michael D. Higgins vor dem Hauptpostamt ein, zum Höhepunkt der wichtigsten Staatszeremonie der irischen Republik in diesem Jahrzehnt, dem Gedenken zum 100. Jahrestag des Osteraufstands, dem Gründungsereignis des modernen irischen Staats. 

Grün-weiß-orangenes Farbenspiel am Himmel 

Ein Offizier der Irish Defence Forces verliest die Proklamation, mit der zu Ostern 1916 irische Freiheitskämpfer die Republik gegen das britische Empire ausgerufen hatten, das seit fast 800 Jahren die Oberherrschaft über die Grüne Insel ausübte. In Vertretung des irischen Volkes legt Staatspräsident Higgins einen Kranz vor dem Hauptpostamt nieder. Nach einer Schweigeminute wird unter dem Beifall des Publikums unter Abspielen der Nationalhymne die Nationalflagge, die grün-weiß-orangene Trikolore, von Halb- auf Vollmast gezogen. Stellvertretend für die vier Provinzen der Republik – Connacht, Munster, Leinster und Ulster – legen vier Kinder Osterglocken vor dem Hauptpostamt nieder. Über die Achse der O’Connell Street ziehen sechs Flieger die Farbspuren der Trikolore in den Himmel.

Was nun folgt, ist der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung. Von der Parkanlage St. Stephens Green kommend zieht sich entlang Zehntausender Zuschauer die Militärparade der Irish Defence Forces. Die irische Berufsarmee nimmt sich mit weniger als 10.000 Angehörigen relativ bescheiden aus. Doch seit Jahrzehnten stand sie immer wieder im Dienst der Uno, und bereits ihr erster Blauhelmeinsatz führte sie 1961 in die Kämpfe der Kongo-Krise. So stellten die Speerspitze der Parade die vor allem in diesen oftmals heiklen Einsätzen bewährten Veteranen, gefolgt von aktiven Soldaten mit dem typischen blauen UN-Baret tund den weiß getünchten UN-Panzern. 

Die Parade ist nur eingeschränkt militärisch. Den Armee-Gruppen schließen sich auch zivile Einheiten des Polizei-dienstes Gardai, der Gefängniswachen, der Küstenwache, der Rettungsdienste und des Civil Service an. Es muß den Zuschauern wie der Fingerzeig einer höheren Fügung erscheinen, als pünktlich zum Ende ein partieller Regenschauer einen Regenbogen über Dublin erstrahlen läßt.

Was sich Ostern 1916 in der Dubliner Innenstadt abspielte, war ein Drama, das die irische Insel in ihrer politischen Gestalt bis heute prägt. Niemand war damals auf diesen explosiven Ausbruch irischer Rebellion vorbereitet. Home Rule, die begrenzte Autonomie Irlands, war bereits 1914 gesetzlich vom Londoner Parlament verabschiedet und seine Umsetzung auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verschoben. Denn eine Lösung für den vehementen Widerstand der protestantischen Unionisten im Norden der Insel stand noch aus. Und immerhin kämpften 150.000 Iren freiwillig für das britische Empire an der Westfront in Flandern. 

„Phantasievoll geplant mit künstlerischer Vision und außergewöhnlicher Inkompetenz“ – so läßt sich der ambitionierte, von vornherein zum Scheitern verurteilte Aufstand einer extremen Minderheit irischer Nationalisten zusammenfassen. Englands Schwierigkeiten im Ersten Weltkrieg sollten Irland die Gelegenheit bieten, endlich nach fast 800 Jahren den Traum von Freiheit für das irische Volk zu verwirklichen. 

Doch das Empire war nach anfänglicher Überraschung immer noch stark genug, die Besetzung der Dubliner Innenstadt am Ostermontag 1916 durch rund 1.600 Freischärler nach knapp einer Woche zu beenden. Gesiegt hatten die Briten mit militärischer Überlegenheit und dem bedenkenlosen Einsatz massiver Artillerie, die die Innenstadt in ein Inferno verwandelte. Das ideologische Kalkül der Rebellen, das kapitalistische Britannien würde aus Eigeninteresse von einer Beschießung seines Eigentums absehen, ging nicht auf. Sie waren keine rücksichtslosen Fanatiker. Es spricht für das Verantwortungsgefühl ihrer Anführer, am Ende der Woche angesichts der zivilen Verluste die Aussichtslosigkeit des weiteren Kampfes eingesehen zu haben und den Briten die bedingungslose Kapitulation anzubieten.

Der Traum von der Freiheit war lange nur ein Traum

Der Traum von irischer Freiheit schien damit unter den Trümmern der Dubliner Innenstadt beerdigt zu sein. Aber die Rebellenführer um den Gewerkschafter James Connolly hatten ein Scheitern sogar fest eingeplant. Ihre Generation sollte nicht die erste sein, die keinen Aufstand wagte. „Wir gehen in den Tod“, rief Connolly zu Beginn Passanten zu. Am Ende war es die instinktlose Reaktion des britischen Militärs, die die Stimmung im irischen Volk zum Kippen brachte und die Großbritannien den Sieg kostete.

General Sir John Maxwell, der die Situation in Dublin bereinigen sollte, sah das Problem aus der verengten Perspektive eines Militärs im Kriegszustand, ohne die politischen Folgen in Betracht zu ziehen. Obwohl die Rebellen nach den Regeln des Kriegsrechts kämpften, lehnte der von unklugem Rachedurst erfüllte Maxwell ihre Behandlung als Kriegsgefangene ab. Geheime Militärtribunale verhängten 90 Todesurteile, von denen bis Mai etappenweise 15 vollstreckt wurden, bis London weitere Exekutionen unterband. Doch die folgenden Säuberungsaktionen und Masseninternierungen und letztlich die Ausdehnung der Wehrpflicht auf Irland verhalfen der republikanischen Partei Sinn Fein („Wir selbst“) bei den nachfolgenden Wahlen zu einem Erdrutschsieg. 

Bestärkt durch die politische Legitimation der Erfolge von Sinn Fein entfachte Michael Collins, Veteran des Osteraufstands, 1919 einen Guerillakrieg, der zur Blaupause anderer Bewegungen des 20. Jahrhundert wurde. Es ist unzweifelhaft das Glück, auf der Seite des Siegers zu stehen, das den irischen Nationalhelden Collins davor bewahrte, im Urteil der Geschichte als Vater des modernen Terrorismus dazustehen. Großbritannien verlor nun endgültig die Kontrolle über seine erste Kolonie. Nach schwierigen Verhandlungen entließ das Empire Irland 1922 in die Unabhängigkeit – als Freistaat mit dem britischen König als Staatsoberhaupt. Erst 1949 erklärte sich Irland zur Republik.

Mag das mit seinen religiösen Anleihen aufgeladene Blutopfer des Osteraufstands heute aus der Zeit gefallen sein, so sind die Iren stolz auf dieses Gründungsereignis. Die Selbstvergewisserung der nationalen Identität kommt zum richtigen Zeitpunkt, nachdem Irland nach dem Tod des „keltischen Tigers“ in der Finanzkrise zeitweise seine Souveränität Brüssel und der Troika unterordnen mußte. Doch für einfache Narrative ist die irische Geschichte zu komplex. Der Osteraufstand steht nicht nur für den Beginn irischer Souveränität und Freiheit. Er steht ebenso als ein Schicksalsjahr für ganz Irland, für die Teilung der Insel in das unabhängige Irland und das zu Großbritannien zugehörige Nordirland. Für den irischen Nationalismus, der in der irischen Insel seit jeher eine politisch-geographische Einheit sah, blieb diese Teilung immer eine schwärende Wunde, deren Verheilen die Umstände nicht zuließen. 

Im Gegensatz dazu verstanden die Ulster-Protestanten, die treu zur Krone hielten, den Osteraufstand als einen „Dolchstoß in den Rücken“, der sie in ihrem negativen Urteil über die katholischen Nationalisten nur bestärkte. Die Schlacht an der Somme nur wenige Wochen später kostete in zwei Tagen die Ulstermen 5.500 Tote und Verwundete. Dieses Blutopfer Ulsters vertiefte und zementierte den Riß zwischen den Lagern.

Nordirland konstituierte sich so 1922 als ein „protestantischer Staat für ein protestantisches Volk“ mit einer signifikanten katholischen Minderheit, die sich in einem Apartheidsystem wiederfand. 1969 führten schließlich die Spannungen zwischen den Volksgruppen zu dem als „Troubles“ bekannten Bürgerkrieg mit seinen rund 3.500 Toten. 

Es ist dieser Hintergrund, der in Irland das Gedenken an den Osteraufstand bislang so schwierig machte. Fand zum 50. Jahrestag erstmals eine Parade statt, so wurde diese unter dem Eindruck der „Troubles“ mit dem Terror der Irisch-Republikanischen Armee IRA eingestellt, das Gedenken an „Easter 1916“ aus dem offiziellen Gedächtnis suspendiert. 

Erst der in den 1990er Jahren einsetzende Friedensprozeß in Nordirland ermöglichte es dem damaligen irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern, für 2006 eine Parade anzusetzen und die Planungen für das Gedenken zum 100. Jahrestag ins Auge zu fassen. Seitdem sind eine Reihe bedeutender Meilensteine in der Aussöhnung einstiger Gegner gesetzt worden. Es sah 2007 die historische Visite des irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern im Westminster-Parlament, das gemeinsame Gedenken seines Nachfolgers Enda Kenny mit dem britischen Premier David Cameron um die Gefallenen aus Irland und England auf den Feldern Flanderns und vor allem den bis dahin unwahrscheinlichen Handschlag zwischen Queen Elizabeth II. und dem damaligen nordirischen Deputy First Minister Martin McGuinness, einem früheren IRA-Kommandanten, bei ihrer Visite in Belfast 2012. Schließlich rückte der Einsatz irischer Soldaten im Dienst für Großbritannien im Ersten Weltkrieg stärker in den Fokus des öffentlichen Interesses, ein Kapitel irischer Geschichte, das bislang schamhaft ausgeblendet wurde.

Das Gedenken an den Osteraufstand beansprucht Inklusivität, also die Berücksichtigung der Sichtweisen und Erfahrungen aller Beteiligten, ohne das Ereignis als solches bis zur Unkenntlichkeit weichzuzeichnen. Die Konturen sind offenbar noch scharf genug, wie die kühl-distanzierte Haltung von Arlene Foster, der derzeitigen nordirischen First Ministerin von der probritischen DUP (Democratic Unionist Party), zum Osteraufstand zeigt. Sie lehnte es ab, den Feierlichkeiten in Dublin beizuwohnen, weil der Osteraufstand „eine Attacke auf die Demokratie zu der Zeit“ gewesen sei, dessen Gedenken dem gewalttätigen Republikanismus in Nordirland über viele Jahre Beistand gab. 

Arlene Foster steht nicht allein. Auch die Ränder der nationalistisch-republikanischen Szene Irlands formulieren ihr Unbehagen am Gedenken. Sie erkennen darin nicht Inklusivität, sondern Minimalismus, der den Anspruch des Osteraufstands auf das ungeteilte Irland in einer „Erwähne nicht den Norden“-Mentalität ausblendet. 


Zweierlei Gedenken 

2016 fällt auf der Grünen Insel das 100jährige Gedenken an zwei gegensätzliche, aber miteinander verwobene Ereignisse zusammen: Der Osteraufstand als Gründungsereignis der irischen Unabhängigkeit. Und in Nordirland das Gedenken der probritischen Unionisten/Loyalisten an die Schlacht an der Somme, die unter den protestantischen Freiwilligen einen enormen Blutzoll forderte. Beide Gedenken schließen bislang einander aus und wirkten trennend, da diese Ereignisse zur Spaltung der Insel in den irischen Freistaat und die Provinz Nordirland führten. Seit Einsetzen des nordirischen Friedensprozesses bemüht man sich aber um ein „inklusives“ Gedenken.