© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 17/06 21. April 2006

Mit der Niederlage zum eigenen Staat
Vor neunzig Jahren fand der irische Osteraufstand statt, der letztlich die Unabhängigkeit einläutete / Heftige Debatte um Gedenken
Daniel Körtel

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges entwickelte sich für das britische Königreich die ungelöste Frage des Status seiner irischen Territorien zu einem gefährlichen Sprengsatz. Nach Jahrhunderten, in denen es seine Herrschaft über Irland konsolidierte, zwang Großbritannien im Jahr 1801 die grüne Insel in eine Union, die den Engländern die vollständige Kontrolle über Irland ermöglichte. Die Entwicklung im folgenden Jahrhundert, als London und die dünne britische Oberschicht in Irland das Land mit harter Hand ausplünderten, sollte die Rückständigkeit bis in die Zeit der EU-Subventionsspritzen begründen. Anders als die berüchtigte polnische Adelsschicht der Schlachta im Zarenreich oder die oft als Unterdrücker der autochthonen Unterschicht bemühten "deutschbaltischen Barone" steigerten die Lords ihre brutale Regentschaft derart, daß politische Repression und wirtschaftliche Ausbeutung bis zu katastrophalen Hungersnöten eine gewaltige Auswandererbewegung in Gang setzte. Doch trotz oder gerade wegen dieser Widrigkeiten entwickelten die Iren Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Bewußtsein für ihre nationale Identität, das seinen deutlichsten Ausdruck in der "keltischen Renaissance" fand, der Wiederentdeckung ihres kulturellen Erbes in Literatur und Schauspiel. Auf der politischen Ebene fand es seinen Widerhall in der vehement vorgetragenen Forderung nach "Home Rule", einer begrenzten Autonomie für Irland.

Briten machten die Dubliner Innenstadt zum Inferno

Der schärfste Widerstand gegen "Home Rule" kam aus Nordirland von den protestantischen Unionisten, die um jeden Preis die Union mit Großbritannien beibehalten wollten. "Home Rule" war für sie ein Komplott, das sie ihrer Freiheit berauben und unter die Vorherrschaft eines katholischen Regimes zwingen sollte. Von der Staatsmacht ungehindert, bewaffneten sich im April 1914 unionistische Freiwilligenverbände. Gleichzeitig erklärten reguläre Truppenteile ihre Weigerung, gegen Unionisten vorzugehen. Obwohl die Situation zum Bürgerkrieg zu eskalieren drohte, wurde schließlich das Gesetz über "Home Rule" verabschiedet. Seine Implementierung wurde aber infolge des Weltkriegsausbruchs in die Nachkriegszeit verschoben, vorbehaltlich einer für die irischen Nationalisten inakzeptablen Ausnahmeregelung für Ulster, den unionistischen Nordteil der Insel.

Vor diesem Hintergrund begannen irische Widerstandsgruppen mit der geheimen Planung für eine bewaffnete Erhebung, die Irland die langersehnte Unabhängigkeit bringen sollte. Nicht begrenzte Autonomie war ihr Ziel, sondern die Errichtung einer freien Republik für die ganze Insel. Gemäß den Planungen ihrer Anführer sollte zu Ostern 1916 der Aufstand das ganze Land erschüttern. Die Engländer, so ihre Hoffnungen, hätten dann infolge ihrer Teilnahme am Weltkrieg keine andere Wahl gehabt, als Irland die Freiheit zu geben.

Somit besetzten am Ostermontag, den 24. April 1916 etwa 1.600 Freischärler zentrale Punkte in der Dubliner Innenstadt und richteten im Hauptpostamt ihr Hauptquartier ein, das sie zum Sitz der "Provisorischen Regierung der Republik Irland" erklärten. Auf den Stufen des Postamtes verlas der Poet Patrick Pearse die "Proklamation der Irischen Republik". Die überraschten Briten reagierten anfangs zurückhaltend. Doch ab Mittwoch setzte schwerer Artilleriebeschuß ein, der die Innenstadt in ein Inferno verwandelte. Zusätzlich trafen Truppenverstärkungen aus England ein. Angesichts der militärischen Überlegenheit der Briten und der zunehmenden zivilen Opfer willigten die Anführer des Aufstandes, Pearse und der Gewerkschaftsführer James Connolly, am Samstag in die bedingungslose Kapitulation ein.

Es erwies sich im nachhinein, daß der scheinbar so gut organisierte Aufstand an einem Mangel an Ressourcen und militärischer Erfahrung von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Doch auf einen militärischen Sieg kam es den Rebellen auch gar nicht an. Viele von ihnen waren sich der Aussichtslosigkeit ihres Unternehmens bewußt. Sie wollten ein Zeichen setzen für das Existenzrecht der irischen Nation. Für die Verwirklichung ihrer Ideale waren sie von vornherein bereit, ihr Leben als ein Blutopfer darzubringen. In diesem Sinne glorifizierte der irische Nationaldichter William Butler Yeats den Oster-aufstand später in seinem Gedicht "The Rose Tree": "Nur aus unserem eigenen roten Blut kann ein wahrer Rosenstrauch entstehen."

Das britische Militär reagierte in unklugem Rachedurst hart und massiv. Die Rebellen wurden nicht wie Kriegsgefangene behandelt und öffentlich gedemütigt. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit wurden reihenweise Todesurteile verhängt und bis Mai an 15 der Rebellen, darunter Pearse und Connolly, vollstreckt.

Spätestens an diesem Punkt wandelten die Rebellen ihre Niederlage in einen Sieg um. Begegneten die Iren dem Aufstand zuerst mit einer Mischung aus Zynismus und Apathie, so schlug ihre Stimmung um mit dem harten Durchgreifen der Armee, deren Säuberungsaktionen sie noch zusätzlich aufbrachten. Die nachfolgenden Wahlen erbrachten der republikanischen Sinn Féin erdrutschartige Siege. Ein anschließender Guerillakrieg brachte Irland schließlich 1921 die Freiheit, allerdings um den Preis der Teilung der Insel in einen unabhängigen Südteil und dem Großbritannien zugehörigen Nordirland.

IRA-Terror diskreditierte Gedenken an den Aufstand

Neunzig Jahre nach dem Osteraufstand ist nun in der irischen Republik eine heftige Debatte darüber ausgebrochen, wie des Ereignisses gebührend gedacht werden kann. Bis 1970 wurde hierzu in Dublin eine Militärparade abgehalten, die jedoch angesichts des damals in Nordirland ausgebrochenen Bürgerkrieges abgeschafft wurde. Der gegenüber Zivilisten wahllose Terror der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), die sich auf "1916" berief, diskreditierte diese Form des offiziellen Gedenkens. Doch überraschenderweise hat Ministerpräsident Bertie Ahern für den Ostersonntag erstmals wieder eine Militärparade angekündigt und eine Kommission beauftragt, Vorschläge für den 100. Jahrestag im Jahr 2016 zu erarbeiten.

Staatspräsidentin Mary MacAleese nutzte ihrerseits die Gelegenheit, das Erbe des Osteraufstandes zur Rechtfertigung für die in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchgeführte Öffnung Irlands zur Moderne zu reklamieren. Diese Umdeutung wird allerdings nicht von allen Iren akzeptiert. In einem provozierenden Beitrag für die Irish Times wiederum verglich Lord Laird, nordirischer Abgeordneter des britischen Oberhauses, den Aufstand mit dem Münchener Hitler-Putsch von 1923 und unterstellte den Rebellen eine "proto-faschistische" Gesinnung. Doch unabhängig von derart geschichtsrevisionistischen Absichten hat die Debatte geholfen, dem Osteraufstand als dem Gründungsereignis der irischen Nation wieder einen zentralen Platz in der Geschichte Irlands zuzuweisen.